Know-how schützen
Kopieren lernt in China jedes Kind

In Chinas Bildungs- und Geschäftsleben hat das Nachahmen eine lange Tradition. Das Thema Produktpiraterie hat sich so für ausländische Firmen zum Dauerproblem entwickelt. Wer im Reich der Mitte nicht unfreiwillig zum Lehrmeister der Konkurrenz werden möchte, sollte daher sein Know-how nur vorsichtig preisgeben.

PEKING. "In der Morgendämmerung trällerte eine Lerche ihr wunderbares Lied. Zwei Spatzen hörten sie. Einer sagte: „Die Stimme ist angeboren!“ Der andere stimmte zu. Da setzte sich die Lerche zu den Spatzen und sagte: „Warum singt ihr nicht? Ich möchte euch so gerne singen hören, damit ich von euch lernen kann.“ Die Spatzen dachten, die Lerche mache sich über sie lustig. Diese aber antwortete: „Ihr irrt! Nur weil ich von allen anderen Vögeln gelernt habe, kann ich so gut singen.“ Die zwei Spatzen hatten noch nie daran gedacht, von anderen zu lernen. Sie waren zutiefst beschämt."

Chinesische Fabel (Kurzfassung)

Lernen hat in China einen hohen Stellenwert. Die erste Hürde, die chinesische Kinder dabei nehmen müssen, sind die Schriftzeichen. Erlernen lassen sie sich nur durch genaues Betrachten, Nachahmen, Auswendiglernen und Üben, weiteres Nachahmen und noch mehr Üben. „Xue“ – das heißt in der chinesischen Sprache lernen und nachahmen zugleich. Erfolg durch Nachahmung war und ist Teil des chinesischen Bildungssystems.

Was in der Schule recht ist, ist im Geschäftsleben billig. Chinesische Ingenieure werden von ihren Arbeitgebern als aufmerksame Zuhörer mit hoher Lernbereitschaft und großem Aufnahmevermögen gelobt. Wenn alles gut geht, setzen sie das angeeignete Wissen im Unternehmen ein. Wenn nicht, nutzen sie es im Konkurrenz- oder noch besser im neu gegründeten eige-nen Unternehmen. Die gelehrigen Schüler werden schnell flügge. Innovation bedeutet in China daher auch eher eine vom Markt geleitete modifizierte Nutzung oder Kombination bestehender Technologien.

Sowohl Regierung als auch viele Geschäftsleute betrachten „Re-Innovation“ auf der Basis von Know-how aus dem Ausland als Schlüssel zum Erfolg. Dass Nachahmen auch Raub von geistigem Eigentum bedeuten kann und strafbar ist, steht im umfassenden gesetzlichen Regelwerk des Landes zum Schutz des geistigen Eigentums. Bei vielen ist diese Rechtsauffassung noch nicht vorhanden – entsprechend niedrig ist die Hemmschwelle.

„Am besten ist, man redet gar nicht darüber, wie ein Produkt funktioniert“, rät Heino Pruess, geschäftsführender Partner des Technologieentwicklungsunternehmens m.u.t. GmbH. Eine Patentanmeldung erfordert jedoch Offenlegung. Nach Ansicht von Pruess sollten Schutzrechte in China daher nur als Bestandteil einer international ausgerichteten Patentstrategie angemeldet werden. Er empfiehlt, in unterschiedlichen Ländern nur Teilverfahren schützen zu lassen, ohne das gesamte Produkt oder den ganzen Fertigungsprozess preiszugeben. Denn ist zum Beispiel ein Patent in einem Land bereits erteilt, kann eine Eintragung in einem anderen mangels Neuheit nicht mehr erfolgen. Auch nicht in China.

Doch wer mit Technologie in die Volksrepublik China kommt, wird unweigerlich zum Lehrmeister. Seine Schüler kann er sich häufig nicht selbst aussuchen. Nur den Unterrichtsstoff kann er bestimmen. Auf dessen Auswahl sollte man daher viel Umsicht und Zeit verwenden.

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