Komitee droht Geld auszugehen
Entwicklung der internationalen Rechnungslegung ist gefährdet

Den neuen Rechnungslegungsvorschriften IFRS, die als europäisches Gegengewicht zu den US-Regeln US-GAAP etabliert werden sollen, droht ein Rückschlag: Das für die Formulierung der Standards verantwortliche Komitee IASB ist nur noch bis Ende kommenden Jahres finanziert.

HB FRANKFURT/ LONDON. „Sollte bis Ende 2005 keine überzeugende europäische Regelung zu Stande kommen, ist zu befürchten, dass die guten Vorarbeiten nur unzureichend fortgeführt werden können“, sagt Max-Dietrich Kley, der ehemalige Finanzchef des Chemiekonzerns BASF und zur Zeit Treuhänder des IASB, dem Handelsblatt. Europa hätte sich dann wieder einmal als nicht stark genug erwiesen, „mit den USA in einen echten Wettbewerb zu treten“.

Bislang werden das Internationale Rechnungslegungs-Standardisierungskomitee (IASB) und die dazugehörige Stiftung IASCF rein privatwirtschaftlich finanziert. Bei seiner Gründung 2001 hatten sich 183 Unternehmen und Banken weltweit verpflichtet, bis 2005 jährliche Beiträge von 25 000 bis 200 000 Dollar zu zahlen. „Insgesamt sprechen wir hier über ein Budget von gerade 13 Millionen Pfund im Jahr“, erläutert IASCF-Direktor Tom Seidenstein.

In Deutschland wird das IASB vor allem von der Bundesbank und einigen DAX-Unternehmen unterstützt. Dort hält man sich jedoch bei der Frage der Finanzierung zurück: Die Prüfung stehe noch am Anfang, es gebe noch keine Entscheidung, aber auch keinen akuten Zeitdruck, heißt es etwa bei der Allianz oder Eon. „Die Entscheidung über Verlängerung der Zahlungsverpflichtung steht noch aus“, sagte ein Sprecher von BMW.

Dabei ist es nach Ansicht von Kley wichtig, dass das IASB über das Jahr 2005 hinaus arbeiten kann: „Die angestrebte Konvergenz der IFRS mit den US-Gaap kann nur gelingen mit einem kraftvollen IASB, der auf Augenhöhe mit dem US-amerikanischen Standardsetter FASB agiert.“ Zudem dürfte die Arbeit des IASB Ende 2005 bei weitem noch nicht abgeschlossen sein. So arbeitet das Komitee zur Zeit an gesonderten, leicht abgeschwächten Regularien für mittelgroße und kleine Firmen, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Deshalb sind die Betroffenen alarmiert. „Man sollte die Drohgebärden nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagt Liesl Knorr, Geschäftsführerin des deutschen IASB-Ablegers DRSC. Ein paar Unternehmen würden sich sicher aus der Finanzierung zurückziehen.

Um den Finanzierungsengpass zu beheben, sind Vertreter des IASB und des DRSC bereits bei Justizministerin Brigitte Zypries vorstellig geworden. Doch gegenüber gegenüber dem Handelsblatt lehnt diese eine staatliche Finanzierung des IASB ab: „Wir finden es gut, dass ein Gegengewicht in Europa geschaffen wird. Allerdings ist eine finanzielle Beteiligung des Bundes nicht vorgesehen. Das ist eine privatwirtschaftliche Veranstaltung.“

Auch in Brüssel, wo Kley bereits bei EU-Kommissar Frits Bolkestein vorstellig geworden ist, gibt man sich zurückhaltend. Bolkestein habe sich zwar grundsätzlich wohlwollend geäußert, gleichzeitig aber deutlich gemacht, wie schwer eine europäische Lösung sei, berichtet der Ex-Finanzchef der BASF.

Beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) kann man eine solche Argumentation nicht nachvollziehen. „Es ist absurd. Die EU sagt, die Firmen müssen IFRS einführen, sorgt aber nicht dafür, dass das Gremium, das die Standards festlegen soll, ausreichend finanziert ist. Das kann doch nicht sein“, klagt Peter Wiesner, beim BDI für europäisches Wirtschaftsrecht zuständig. Um weiterzukommen, plädiert er für europaweite Rechtsgrundlage, auf deren Basis dann etwa Listingbeiträge der börsennotierten Firmen erhoben werden könnten.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%