Kommentar zu Rocket Internet Ernüchterung im Samwer-Reich

Ein halbes Jahr nach dem Börsengang macht Rocket Internet Verluste. Viele eigene Gründungen dümpeln vor sich hin – das Wachstum müssen sich die Samwers teuer zukaufen. Dem Geschäftsmodell fehlt der Spirit. Ein Kommentar.
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Die selbsternannte Start-up-Schmiede schafft es bisher nicht, Begeisterung zu erzeugen. Quelle: dpa
Rocket-Chef Oliver Samwer

Die selbsternannte Start-up-Schmiede schafft es bisher nicht, Begeisterung zu erzeugen.

(Foto: dpa)

Es klingt alles schwer nach Entzauberung: Nur ein halbes Jahr nach dem Börsengang weist Rocket Internet Verluste aus. Die Kritiker dürfen sich bestätigt fühlen, und davon gibt es eine Menge: Die Samwers bringen keine Innovationen auf den Markt, sagen sie, die Brüder kopieren lediglich Geschäftsmodelle und machen sie in bislang unbesetzten Märkten groß. Damit haben sie Recht.

Wie gut die Samwers das können, beweist der Erfolg von Zalando. Der Börsengang des Modehändlers im vergangenen Jahr bescherte Rocket die Gewinne, die es brauchte, um selbst Investoren anzulocken. Delivery Hero könnte das nächste Ding werden – ist aber keine Rocket-Erfindung, nicht mal eine Kopie. Die selbst ernannte Start-up-Schmiede stieg erst im Februar bei den Lieferhelden ein und musste fast 500 Millionen Euro dafür zahlen

Wenn sich das Investment lohnt, ist dagegen nichts einzuwenden – nur wäre das ein neues Geschäftsmodell, für das man weder 30.000 Leute noch einen kompletten Büroturm braucht, wie ihn das Unternehmen gerade in Berlin plant. Eigene Gründungen, wie der Zimmervermittler Wimdu, dümpeln vor sich hin. Die Samwers haben es bisher nicht geschafft, einen Spirit zu kreieren, wie ihn das Original Airbnb vorlebt, und damit auch in Deutschland, dem Heimatmarkt von Rocket Internet, die Kunden begeistert.

Begeisterung, Spirit, das sind keine Wörter aus der Rocket-Welt, in der es mehr um Performance und Execution geht. Allein: Die Kritik daran ist nicht neu, genau so wenig wie die Frage, ob und wann die mehr als 100 Beteiligungen aus dem Samwer-Reich jemals Gewinn abwerfen. Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass man große Erfolge nicht in Serie planen und produzieren kann, nicht mal, wenn man Samwer heißt. Entzaubert sind die Samwers nicht: Gezaubert haben sie nie.

Das große Reich der Rocket-Brüder
Börsengang von Rocket Internet
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Wenn es um Start-ups in Deutschland geht, dann hat Rocket Internet meist irgendwie die Finger mit drin – gerade, wenn es um neue Onlineportale geht. In seinem aktuellen Buch über die Samwer-Brüder „Die Paten des Internets“ schreibt der „Gründerszene“-Chefredakteur Joel Kaczmarek: „Der Themenkomplex Samwer ist durch deren unternehmerische Vision und die damit verbundene inhaltliche Brisanz nicht nur spannend und kontrovers, sondern auch mysteriös.“ In der Tat sind die zahlreichen Gründungen und Beteiligungen der drei Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer sowohl umfangreich als auch kaum zu durchschauen.

Das liegt nicht nur daran, dass die Samwers neben Rocket Internet auch noch mit dem Global Founders Fund (früher European Founders Fund) und Global Founders Capital ihr Geld in Start-ups stecken. Ein weiterer Grund ist, dass die Samwers in alle nur möglichen Ideen investieren oder investiert haben – von Mode über Altenpflege bis hin zu Fahrrädern. Doch längst nicht mit jeder Idee starten die Samwers durch. Handelsblatt Online hat exemplarisch ein paar Erfolge und Misserfolge aus der Konzernkollektion der Start-ups gesammelt.

Das Bild zeigt Rocket-Geschäftsführer Oliver Samwer (Mitte) beim Börsengang der Start-up-Schmiede Rocket Internet.

Samwer-Tops: Lieferheld
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Lieferheld, oder „Delivery Hero“ – wie das internationale Netzwerk der Essenlieferservice-Kette genannt wird – gehört zu den „proven winners“ des Rocket-Internet-Imperiums. Es sind Gewinner, die es also bewiesen haben. Delivery Hero kaufte im Mai 2015 den türkischen Konkurrenten und Marktführer Yemeksepeti für 589 Millionen US-Dollar. Wohl auch dafür hatte Rocket Internet frische 61.3 Millionen Euro in den Essenslieferservice investiert. Aktuell hält Rocket Internet 40 Prozent der Lieferheld-Aktien.

Hello Fresh
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Mit Hello Fresh wollen die Samwer-Brüder der steigenden Nachfrage aus Europa und den USA nach gesundem Essen, das sich zu Hause zubereiten lässt, begegnen. Das Unternehmen hat sich stark entwickelt, die Nettoerlöse stiegen 2014 um 380 Prozent auf 70 Millionen Euro. Der Zuwachs stützt sich – nach eigenen Angaben – vor allem auf den Markteintritt in den USA.

Global Fashion Group
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Rocket Internet bezeichnet als einen seiner Meilensteine 2014 die Gründung der Global Fashion Group (der weltweiten Modegruppe). Fünf führende Online-Händler für Mode aus Schwellenländer wurden hier fusioniert, darunter der brasilianische Shop Dafiti. Gemessen am Nettoerlös ist Dafiti in 2014 um 41 Prozent auf umgerechnet rund 173 Millionen Euro gewachsen, die Bruttomarge stieg ebenfalls um 38 Prozent.

Westwing
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Auch im Bereich Einrichtung („Home & Living“) kann Rocket Internet punkten. Der Nettoerlös des Online-Einrichtungs-Shops Westwing zum Beispiel ist 2014 nach Unternehmensangaben um 66 Prozent auf 183 Million Euro gestiegen. Bis Ende 2014 hatten 1,2 Millionen Kunden auf Westwing eingekauft.

Home24
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Home 24 hat seine starke Marktpräsenz noch einmal ausgebaut. Der Nettoerlös lag 2014 73 Prozent höher als im Vorjahr, bei rund 160 Millionen Euro. Bis Ende 2014 betrug die Zahl der Kunden 1,4 Millionen.

Betreut.de
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Nach dem Vorbild von Care.com, einem Portal aus den USA, haben die Samwers 2007 den Pflegedienstvermittler Betreut.de an den Start gebracht. Die Webseite bietet eine Plattform, um Pfleger und ältere sowie hilfebedürftige Menschen zusammenzubringen. Für Rocket Internet sollte sich die Gründung bezahlt machen: 2012 verkündete Care.com, seine deutsche Kopie zu übernehmen. Diese Exit-Strategie ist für die Samwers kein ungewöhnlicher Schachzug. Sie funktionierte nicht nur bei Groupon, sondern auch schon bei dem Ebay-Klon Alando, dem ersten großen Erfolg der Brüder. Alando wurde genau wie später Betreut.de oder auch Citydeal vom US-Vorbild gekauft.

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