Kommunikation im Mittelstand
Hier spricht der Chef!

Die größte Umfrage zum Thema Mittelstandskommunikation bringt tiefe Einblicke: Unternehmer erkennen heute den Wert von Kommunikation. Doch die Einsicht kommt nicht von ungefähr – der Fachkräftemangel zwingt zum Umdenken.
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DüsseldorfAdalbert Sigg hat dazu gelernt. Vor zwei Jahren hat der Geschäftsführer des Einbauküchenherstellers Ratiomat im sächsischen Leubsdorf gemerkt, dass der mittelständische Küchenbauer mit seiner 100-jährigen Geschichte etwas tun müsse. „Wir suchten Mitarbeiter für unsere strukturschwache Region und beim Messeaufbau stellten wir fest, dass ein Auszubildender der Produktion gar nicht das gesamte Produktangebot für die Kunden kannte. „Und: Es sei nicht der Fehler des Auszubildenden gewesen. „Bei uns wusste einfach manchmal die eine Abteilung nicht, was die andere tut“, sagt Sigg rückblickend. Ratiomat war zu DDR-Zeiten eine bekannte Marke, danach war das Unternehmen von der Treuhand übernommen worden und befindet sich inzwischen wieder im Familienbesitz.

Sigg ist mit seinen Sorgen nicht allein. Immer mehr mittelständische Unternehmen erkennen, dass sie in Zeiten von Internet, Social Media und Fachkräftemangel ihre Informationsstrategie professionalisieren müssen. 77 Prozent der Unternehmen schreiben der Kommunikation eine hohe Bedeutung zu, doch 40 Prozent verfügen weder über eine eigene Kommunikationsabteilung noch über ein Budget für diese Aufgabe. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie unter mehr als 750 mittelständischen Unternehmen und größeren inhabergeführten Unternehmen, die aus der EU-Definition des Mittelstandes von bis zu 499 Mitarbeitern und weniger als 50 Millionen Euro Umsatz nicht erfasst werden, den deutschen industriellen Mittelstand aber prägen.

Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Leipzig und der PR-Beratung Fink & Fuchs und liegt dem Handelsblatt vor. Nach Angaben von Ansgar Zerfaß, dem wissenschaftlichen Leiter der Studie und Professor für strategische Kommunikation an der Universität Leipzig ist diese die bislang größte ihrer Art zum Thema Mittelstandskommunikation. Befragt wurden die Kommunikationsverantwortlichen in den Unternehmen, darunter viele Inhaber, die Kommunikation als Chefsache behandeln.

Ein Ergebnis: Wo die Ressourcen, also auch die Mitarbeiter knapp sind, fokussieren sich die Mittelständler vor allem auf marktorientierte Ziele bei ihrer Unternehmenskommunikation, sie wollen damit Kunden gewinnen, über Produktentwicklungen informieren, sich neue Geschäftsfelder erschließen. Auch die interne Kommunikation wird in den befragten Unternehmen wichtig genommen. Allerdings: Nicht die strategische Kommunikation zwischen Unternehmen und Mitarbeiter steht im Vordergrund. Viele Firmeninhaber glauben, dass kurze Wege zum Chef und flache Hierarchien ausreichen, um Mitarbeiter und Bewerber zu motivieren.

Doch langfristig werden die Unternehmen gezielter nach neuen Mitarbeitern suchen müssen, vor allem, wenn sie gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte in die Provinz locken müssen. So hat der Turbinenhersteller EBM-Papst für einen Großteil der Mitarbeiter die Arbeitszeit komplett freigegeben. Benteler in Paderborn bietet für 60 Kinder eine Kindertagesstätte an.

Gesellschaftsorientierte Öffentlichkeitsarbeit ist für die meisten Mittelständler weniger relevant, zeigt die Studie. Doch Zerfaß gibt zu bedenken, dass viele Mittelständler oft gar nicht wissen, „welchen Schatz sie bereits in der Hand haben, wenn sie lokale Sportvereine fördern oder sich regional engagieren“. Hinzu käme, dass viele noch nicht erkannt hätten oder gerade erst erkennen, dass das Thema Kommunikation nicht nur Chefsache ist, sondern auch im Unternehmen besser verankert werden und strategischer gesteuert werden muss.

Kommentare zu " Kommunikation im Mittelstand: Hier spricht der Chef!"

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  • Ich glaube, dass das Festhalten an vergangenen Erfolgsmustern die unbekannt, neumodischen "Sachen" überflügelt.
    Kommunikation in einem sich stark verändernden Umfeld aus Kunden und Mitarbeitern sind eben nicht nur "lästiges, kostenintensives Beiwerk" und die Wiederholung alter Sprüche, sondern generiert DIREKTEN Umsatz, Kundenbindung und ein angenehmes Arbeitsklima.
    Welcher Chef (habe gehört, die sind auch Menschen!?) führt seine Leute nicht in einem angenehmen, konstruktiven und verlässlichem Arbeitsklima?
    Manchmal fehlt einfach ein wenig Mut, Vertrauen und ein Rollenwechsel für etwas Unbezahlbares: Zufriedeneres und erfolgreicheres Arbeiten für alle Stakeholder!
    MarcoHass et aol com

  • Insbesondere in Sachsen funktioniert ja interne Kommunikation nur in einer Richtung: Von oben nach unten, als Befehl. Nichts anderes bedeutet "kurze Wege zum Chef": Mach was ich sag, oder ich such mir einen anderen, der das macht. Da wird es Zeit, dass die Chefs nun zum Umdenken gezwungen werden, wo sie doch sonst auf Zwang so allergisch reagieren.

  • Insbesondere in Sachsen funktioniert ja interne Kommunikation nur in einer Richtung: Von oben nach unten, als Befehl. Nichts anderes bedeutet "kurze Wege zum Chef": Mach was ich sag, oder ich such mir einen anderen, der das macht. Da wird es Zeit, dass die Chefs nun zum Umdenken gezwungen werden, wo sie doch sonst auf Zwang so allergisch reagieren.

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