Konjunkturflaute
Merz investiert in die Zukunft von Pharma

Zwei Herzen schlagen in der Brust der Merz-Gruppe. Doch eines schägt kräftiger als das andere. Während die Medikamenten-Sparte pulsiert, erwirtschaftet die Sparte Schreibgeräte einen großen Umsatzverlust. Jetzt zieht das Management die Konsequenz. Über eine heikle Operation am offenen Herzen des Konzerns.
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FRANKFURT. Zwei Welten finden sich unter dem Dach der Frankfurter Merz-Gruppe: Während das dominierende Pharma- und Kosmetikgeschäft im abgelaufenen Geschäftsjahr 2008/09 um acht Prozent auf 590 Mio. Euro Umsatz zulegte und dabei das hohe Ertragsniveau des Vorjahres behauptete, litt die deutlich kleinere Sparte Schreibgeräte (Marke: Senator) massiv unter der Konjunkturflaute. Bei einem Umsatzrückgang um 17 Prozent auf nur noch 60 Mio. Euro dürfte sie deutlich rote Zahlen geschrieben haben.

Nicht zuletzt diese Entwicklung hat das Familienunternehmen offenbar veranlasst, einen detaillierten Geschäftsbericht nur noch für die Merz Pharma GmbH & Co KGaA vorzulegen und - anders als in den Vorjahren - nicht mehr für die Gesamtgruppe. Dass man die Zukunft vor allem im Pharmasektor sieht, zeigen aber auch die weiter steigenden Investitionen in diesem Geschäftsfeld. Merz will die Pharma-Forschung und Marktpräsenz weiter ausbauen und akzeptiert dafür einen Ertragsrückgang bei Merz Pharma von 136 Mio. Euro im Vorjahr auf voraussichtlich nur noch 100 Mio. Euro im laufenden Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2010 endet. Der Umsatz wird nach Erwartung von Geschäftsführer Martin Zügel auf etwa 610 Mio. Euro zulegen.

In den Planzahlen spiegelt sich die Herausforderung, den aktuellen Erfolg auf eine langfristige Basis zu stellen. Für Merz ist die Aufgabe insofern besonders anspruchsvoll, als der Erfolg im Pharmageschäft in jüngerer Zeit besonders groß war. Immerhin steigerte das Unternehmen in den vergangenen vier Jahren den Gesamtumsatz um knapp 70 Prozent und den Betriebsgewinn um gut 80 Prozent. Rechnet man das mehr oder weniger stagnierende Geschäft mit Kosmetik- und Konsumprodukten (Merz Spezial, Tetesept) heraus, haben sich die reinen Arzneimittelumsätze in diesem Zeitraum von 229 Mio. auf 476 Mio. Euro mehr als verdoppelt.

Allerdings verdankt Merz diese Performance im wesentlichen einem einzigen Produkt, dem Alzheimermedikament Memantine/Axura, das derzeit gut die Hälfte des Gesamtumsatzes und vermutlich mehr als drei Viertel des Gewinns liefert. Einschließlich der Erlöse von Lizenznehmern wie Forest Labs und Lundbeck, verbuchte Memantine einen Weltumsatz von etwa einer Mrd. Euro. Spätestens ab 2014, wenn der Patentschutz für die Substanz nach und nach ausläuft, benötigt Merz neue Wachstumsträger im Arzneimittelgeschäft.

Mit Abstand wichtigster Hoffnungsträger für die Zeit nach Memantine ist der Wirkstoff Neramexane, den das Frankfurter Unternehmen gegen Tinnitus testet. Zügel traut dem Mittel im Erfolgsfall Spitzenumsätze von deutlich mehr als einer Mrd. Euro zu. Die erste von drei Studien will Merz im zweiten Quartal 2010 abschließen. Geht alles gut, kann man auf die ersten Zulassungen ab 2013 hoffen.

Zweiter Pfeil im Köcher ist ein modifiziertes und gentechnisch hergestelltes Botulinum-Toxin, das die Gruppe unter den Namen Xeomin bereits als Medikament gegen bestimmte Muskelverkrampfungen vertreibt (Umsatz 20 Mio. Euro). Weitere Zulassungen, der Aufbau einer US-Vertriebslinie und der Einsatz des Produkts als Faltenglätter sollen diesem Geschäft in den nächsten Jahren deutlichen Schub geben.

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