Kostenvorteile wichtiges Umzugsmotiv
Auslandsinvestitionen: Marktchancen vor Ort nutzen

Verlagerung oder Ausweitung? Wenn es um die aktuelle Standortdebatte in Deutschland geht, sollten alle Beteiligten nach Meinung von Dr. Heinz Wesch genau hinsehen. "Wir verlagern keine Investitionen und Arbeitsplätze, sondern weiten unsere Geschäftstätigkeit in einzelnen Ländern aus, um vor Ort Marktchancen besser nutzen zu können", erklärt der Geschäftsleiter Technik der Phoenix Contact GmbH & Co. KG aus Blomberg. Der ostwestfälische Hersteller von Klemmen, Interfaces, Automatisierungstechnik und Überspannungsschutz wird weltweit derzeit von 38 Tochtergesellschaften vertreten - von Argentinien über die USA, den Mittleren Osten bis Japan, China und Australien.

HB DÜSSELDORF. Insgesamt werden die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen 2005 wohl ein Rekordhoch erreichen. Das zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bei über 7 500 Betrieben im Frühjahr 2005. Vor allem in der Elektrotechnik, aber auch in der chemischen Industrie, der Kfz-Industrie, der Medizin-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik sowie im Maschinenbau engagieren sich deutsche Unternehmen jenseits der Grenzen. Jeder zweite Befragte baut im Ausland neue Vertriebs-, Service- oder Produktionsstrukturen auf.

Ein kleiner Lichtblick für den Standort Deutschland: Erstmals seit 2001 geben vier von zehn Industrieunternehmen an, dass der Aufbau von neuen Vertriebs- und Serviceeinheiten das Hauptmotiv der Auslandsinvestition ist. Auch der Grund "Produktion zwecks Markterschließung" gewinnt nach langer Zeit wieder an Bedeutung (26 Prozent). Doch emotionsbeladene Kostenmotive bleiben wichtig: 34 Prozent der investitionsbereiten Unternehmer geben an, in Produktionsstätten mit kostengünstigeren Standorten zu investieren. Bei Firmen, die sich im Vergleich zum Vorjahr in den kommenden Monaten noch stärker im Ausland engagieren wollen oder erstmals außerhalb Deutschlands aktiv werden, ist das Kostenargument mit 39 Prozent sogar noch wichtiger als der Aufbau von Vertriebs- und Kundennetzen (31 Prozent).

Dass eine Verlagerung der Produktionskapazitäten in Niedriglohnländer negative Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt hat, ist unbestritten. So kommt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer Studie zu dem Ergebnis, dass in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich jeder vierte Industriearbeitsplatz hier zu Lande aufgegeben wird. Von derzeit noch knapp acht Millionen Beschäftigten in der Industrie würden bis 2015 zwei Millionen verloren gehen, sagt BCG-Geschäftsführer Peter Strüven. Ein besonders hohes Verlagerungsrisiko bestehe für die Halbleiterindustrie, die Unterhaltungselektronik, für Möbel- und Bekleidungsindustrie. Es gibt aber auch Experten, nach deren Meinung die Jobverlagerung in Billiglohnländer weit überschätzt wird und vor allem andere Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit hier zu Lande verantwortlich sind. So verlagern nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft deutsche Firmen zwar jedes Jahr einige 10 000 Arbeitsplätze in andere Staaten. Doch allein im April 2005 verloren rund 593 000 Beschäftigte hier zu Lande ihren Job.

Es sind vor allem die Großkonzerne, die ihre Investitionen ins Ausland verlagern. "Der überwiegende Teil der kleinen und mittleren Unternehmen ist auch in Zukunft national orientiert", erklärt Thorsten Westhoff, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschlands. "Sie investieren hier, haben hier ihre Kunden, schaffen hier Arbeit und zahlen auch hier die Steuern", so der Unternehmer aus Wuppertal. Als logische Folge der Globalisierung werde sich die Schere zwischen Mittelstand und Konzernen weiter öffnen. "Bald wird der Mittelstandsanteil an der Gesamtbeschäftigung nicht mehr bei 70, sondern bei 80 Prozent liegen, und der Anteil an den Auszubildenden nicht bei über 80, sondern bei über 90 Prozent", ist sich Westhoff sicher.

"Jammern am Standort Deutschland reicht nicht - es muss auch etwas getan werden", fordert auch Heinz Wesch von Phoenix Contact. Aus Erfahrung weiß er: "Die stabile Heimatbasis ist die entscheidende Grundlage für ein erfolgreiches Auslandsengagement. Und dieses wirkt dann wieder positiv auf die deutsche Zentrale zurück."

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