Kraftstoffgewinnung
Wenn Autos Kompost und Plastiktüten tanken

Die Produktion von Kraftstoffen aus der Biomasse von Pflanzenteilen hat sich zu einer bewährten Großtechnik entwickelt. Jetzt versuchen findige Tüftler, Diesel und Benzin aus normalem Hausmüll zu gewinnen.

HAMBURG. Christian Koch macht aus Müll Sprit: Mit seiner Firma EVK GmbH hat er eine Technik entwickelt, bei der er in einem Spezialreaktor Diesel aus Abfall gewinnt. Aus 120 Kilo Restmüllgranulat lassen sich rund 100 Liter hochwertiger Diesel herstellen. Mit dem neuen Verfahren könnte so bis zu 15 Prozent des bundesweiten Dieselbedarfs gedeckt werden, verspricht der Erfinder.

Denn der Rohstoff ist reichlich vorhanden, allein in Deutschland fallen pro Jahr rund 1,5 Mrd. Tonnen Müll an, ein Fünftel des gesamten Müllaufkommens in der EU. Koch rechnet sogar mit einem Jobboom: Bis zu 500 000 neue Arbeitsplätze soll die Produktion von Diesel Plastikmüll bringen. Doch dazu muss er einige Hürden nehmen: Noch hat er nicht alle Genehmigungen für den kommerziellen Betrieb beisammen.

In jedem Fall würde Koch ein echter Coup gelingen, denn bislang lassen sich aus Siedlungsabfällen bestenfalls Vorprodukte gewinnen: Die SVZ GmbH aus dem ostdeutschen Spreetal etwa macht aus flüssigem und festem Abfall Methanol - das wiederum als Ausgangsstoff für den Biokraftstoff MTBE dient.

Benzin und Diesel aus Biomasse sind europaweit auf dem Vormarsch. In Barcelona fahren bereits große Teile der Busflotte des öffentlichen Nahverkehrs mit Biogas und Biodiesel, die roten Fahrzeuge sind an ihren Blumenbildern und Slogans im Stadtverkehr der zweitgrößten Großstadt Spaniens leicht auszumachen. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Biodiesel- und Pflanzenöl-Nutzer stark zu, dafür hat maßgeblich die Gesetzgebung aus Brüssel gesorgt: Die EU-Richtlinie über Biotreibstoffe fordert den Marktanteil von Biokraftstoffen, von derzeit zwei Prozent bis zum Jahr 2010 auf 5,75 Prozent zu erhöhen. Die meisten Autohersteller weisen inzwischen Biodiesel, der aus Rapssamen gewonnen wird, als zugelassenen Kraftstoff für ihre dieselgetriebenen Fahrzeuge aus.

Autohersteller wie Volkswagen (VW) setzten verstärkt auf die Erzeugung von Kraftstoff aus Pflanzen und Bäumen und treiben die Forschung voran. Für das so genannte „Sun-Fuel“ können alle Pflanzenteile oberhalb der Wurzel verwendet werden, dadurch ist der Ertrag bis zu dreimal höher als beim Biodiesel, für den nur die ölhaltigen Samen verwendet werden.

Wolfgang Steiger, Leiter der Konzern-Forschung Antriebe bei VW, untersucht, welche Pflanzen einen besonders hohen Ertrag an Biomasse bieten und wie sich durch die Optimierung des Herstellungsverfahrens die Kraftstoff-Ausbeute steigern lässt. Zur Zeit lassen sich mit modernsten „Biomass-to-liquid“-Anlagen, wie zum Beispiel im sächsischen Freiberg, aus einer Million Tonnen Biomasse rund 200 000 Tonnen Kraftstoff erzeugen.

Dabei können auch Grünabfälle und sogar Biomüll Grundlage der alternativen Kraftstoffe sein. In Niedersachsen läuft derzeit ein Forschungsprojekt, das von VW unterstützt wird und dessen erste Untersuchungsergebnisse jetzt vorliegen. Danach können von den 1,45 Mill. Tonnen Grünabfälle, die Niedersachsens Kompostieranlagen pro Jahr verarbeiten, rund 210 000 Tonnen als Rohbiomasse für die Spriterzeugung genutzt werden.

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