Kreditklemme
Wer finanziert den Aufschwung?

Unternehmen sehen sich in der Krise zögerlichen Bankern gegenüber. Abschmelzende Eigenkapitalquoten der Institute und gestiegende Kreditstandards verschärfen die Finanzierungsprobleme. Die Bedenken wachsen: Reichen die Kredite, um Wachstum zu finanzieren?
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BERLIN. Der Plan war kühn, und Gerhard Becker tischte ihn mitten in der Finanzkrise auf. Mit einem Geschäftspartner hatte er sich vorgenommen, eine Firma mit 93 Mitarbeitern zu kaufen. Das Objekt der Begierde: die KHW Konzmann in Villingen-Schwenningen, ein Spezialbetrieb für technische Gebäudeausrüstung und Energieberatung. Becker hatte bis dato in Schaffhausen die Gebäudemanagementfirma HSG geführt, eine Bilfinger-Berger-Tochter. "Ich wollte etwas Eigenes machen", sagt er. Ein Satz, der Entscheider über Kredite meist nicht in Euphorie versetzt. Doch Becker glückte mit seinem Kompagnon der Weg vom Angestellten zum Firmenchef. "Die Verhandlungen mit den Banken gestalteten sich mittelschwer", bilanziert er.

Nervöse Geldgeber am Tisch

Die Finanzierung stemmten die staatliche KfW-Bank, die Landesbank Baden-Württemberg, eine Volksbank und die regionale Sparkasse. "Im gewissen Sinne hat uns die Finanzkrise sogar in die Hände gespielt, weil viele Privatkunden ihr Geld zu Sparkassen und Volksbanken gebracht haben, sodass unsere Hausbanken einen hohen Mittelzufluss verzeichneten", sagt Becker. Jedoch spürte er die Nervosität seiner Geldgeber, die sich in immer neuen Bedingungen spiegelte - "bis kurz vor Unterschrift".

Das Beispiel zeigt, dass Kredite nicht klemmen müssen, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. "Eine gut nachvollziehbare Kapitalflussrechnung, ein funktionierendes Produkt und Management sowie eine solide Eigenkapitalquote überzeugen", sagt Klaus Wacker, der mit seiner Mittelstandsberatung Wacker Consulting den Neuunternehmer Becker begleitet hat. "Zwar gibt es in der Breite noch keine Kreditklemme, doch die Hürden sind drastisch höher geworden", sagt Wacker.

"Banken verschärfen Kreditkonditionen, indem sie Anforderungen an Sicherheiten und Offenlegungspflichten erhöhen sowie die Risikomargen ausweiten", sagt Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe. Eine allgemeine Kreditklemme liege zwar nicht vor. "Wegen der Belastungen für die Eigenkapitalausstattung der Banken ist aber nicht garantiert, dass das so bleibt." Er sorgt sich, dass abschmelzendes Eigenkapital und gestiegene Kreditstandards die Finanzierungsprobleme verschärfen.

Das Durchstarten wird schwierig

Auch die Politik warnt: Die Banken sollten die Kreditbremse lösen, sonst gerate die Wirtschaftserholung ins Stocken, sagte Angela Merkel am Wochenende. Heute erwartet die Kanzlerin Unternehmen und Gewerkschaften zum Krisengipfel. Die Lage sei "kritisch". Das bestätigte am Montag auch das Ifo-Institut. 42,9 Prozent der befragten Unternehmen beklagten im November Probleme bei der Kreditbeschaffung, im Oktober waren es noch 41,7 Prozent. "Die Finanzierungssituation stellt ein Risiko für die Konjunkturerholung dar", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wohl dem, der die Beziehung zu seiner Hausbank gepflegt hat. "Idealerweise besteht die Verbindung zu mehreren Hausbanken, da sich die Kreditpolitik ungeachtet der Bonität des Kunden immer ändern kann", sagt Berater Wacker. Ein Problem: Manche Kreditverträge aus guten Zeiten stellen nun jene Banken infrage, deren Eigenkapitaldecke selbst bedrohlich dünn geworden ist. Eine Situation, auf die Moritz Freiherr Schenck, Finanzierungsspezialist bei KPMG, vermehrt trifft. Er sieht bessere Chancen bei Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken. "Das Teilnehmerfeld ist stark geschrumpft, da Banken eigene Probleme haben und das Kreditbuch zurückfahren. Man denke nur an die Landesbanken", sagt Schenck.

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  • Das Problem ist nicht, wenn Lieschen Müller (oder Hedgefonds barnabas) keinen Kredit auf ihre schöngerechneten Geschäftsaussichten bekommen,
    sondern wenn das Geld, welches die Zentralbanken zur Verfügung stellen um einen "Wirtschaftsaufschwung" zu ermöglichen, von den banken nicht in reale Wirtschaft gesteckt werden, sondern wieder zu 100% im Spekulationsmarkt der börsen landen.

    Es passiert dasselbe wie vor der Krise, Geld geht in den Zockermarkt in dem angeblich immer noch mehr zu verdienen ist (man hat die Verluste ja ausgeblendet, denn sie wurden dankenswerterweise sozialisiert und es gab (fast) keine Strafverfahren wegen des kriminellen Verhaltens der banker).

    Das neue Geld der FED/EZb ist NiCHT für neue Aktienkurshöhenflüge gedacht, sondern für direkte Produktionsförderung - die findet abe nicht statt, daher hätte es des neuen Geldes nicht bedurft. Unsere banken sind nicht systemrelevant, sie sind systemschädlich. Schliesst sie! Weg mit Zockermärkten.

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