Krisen in Familienunternehmen: Mittelstand: Familiäre Eiszeit

Krisen in FamilienunternehmenMittelstand: Familiäre Eiszeit

Banker, Berater und Krisenmanager gehen mit Familienunternehmern in Krisen oft falsch um. Sie unterschätzen den Familienfaktor und können so die Schieflage der Unternehmen verschlimmern. Dabei haben Familienunternehmen eine ganz eigene Krisendynamik - der richtige Umgang will gelernt sein.

DÜSSELDORF. "Wenn Familienunternehmen in Schieflagen geraten, schätzen Banker, Unternehmensberater und Krisenmanager die Lage regelmäßig falsch ein", schimpft Tom Rüsen, Wissenschaftler am Institut für Familienunternehmen der Privaten Universität Witten/Herdecke. Denn: Familienunternehmen sind keine rein profitorientierten Organisationen. Jeder Familienunternehmer ist immer auch Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter und bis zur Krise meist eine gesellschaftlich angesehene Person, die sich plötzlich in die Rolle des Bittstellers und Gescheiterten fügen muss, wenn Fremdkapitalgeber dem Betrieb den Geldhahn zudrehen.

Die Konsequenz: "Wenn Berater oder Banker diesen Familienfaktor in Finanzgesprächen und bei Sanierungsfällen zu wenig berücksichtigen, können Familienunternehmen umso schwerer Krisen überwinden ", meint Rüsen. Anders als Manager haben Familienunternehmer im Krisenfall nämlich nicht die Familie als ruhenden Pol und als Rückzugsgebiet. Im Gegenteil: Kommen sie heim, gehen die Krisengespräche oft erst richtig los. Weil die Verwandten als Familiengesellschafter wissen wollen, wie es weitergeht. Weil sie um ihre Einlagen bangen, Frau und Kinder in der Nachbarschaft ständig auf die Krise angesprochen werden - und sowieso schon immer wussten, wie die Firma erfolgreicher funktionieren könnte. Bei der Kölsch-Brauerei Gaffel kam es so weit, dass die Brüder sich heute nur noch in Anwesenheit von Anwälten treffen.

"Familienunternehmen haben ihre ganz eigene Krisendynamik, die externe Berater in Finanzgesprächen und Sanierungsfällen kennen und beachten müssen", fordert Rüsen, der typische Krisenverläufe in Familienbetrieben analysiert hat. In über 100 Interviews mit Insolvenzverwaltern, Familienunternehmern, Bank- und Sanierungsberatern arbeitete Rüsen zudem Verhaltensregeln und Instrumentarien heraus, wie Außenstehende Unternehmerfamilien in der Not helfen können.

Lektion Nummer eins: Weitsichtige Berater suchen in Krisen das Gespräch mit allen Familiengesellschaftern, mit Mitarbeitern, aber auch mit Familienmitgliedern, die nicht in der Firma aktiv sind. "So verschaffen sie sich ein Bild von den Kompetenzen, aber auch von der sozialen Funktion der Mitglieder des Gesellschafterkreises, des Managements und der Familie", erklärt Rüsen. Das Ziel dieser Gespräche ist es, gleich Familienmitglieder oder Freunde der Familie zu identifizieren, die als Mediator einsetzbar wären. Im Konfliktfall könnten diese bei der Lösung von Konflikten vermitteln, etwa weil deren Wort viel gilt im Clan - oder weil sie besonders diplomatisch sind.

Lektion Nummer zwei. Was betriebswirtschaftlich richtig ist, kann für die Familie falsch und tatsächlich schädlich sein. Fordert eine Bank von Eltern beispielsweise, ihren Sohn als Geschäftsführer abzusetzen - weil sie ihm keine erfolgreiche Sanierung zutraut -, muss der Bankberater damit rechnen, dass die Eltern schlimmstenfalls sogar lieber die Firma opfern als ihren Sohn öffentlich als Verlierer vorzuführen. Als Unternehmer mögen sie dem Bankberater zustimmen, als Eltern aber stellen sie sich womöglich plötzlich dennoch vor ihren Sohn - einfach weil ihr Herz für ihr Kind schlägt. Notfalls wider die Vernunft. Solche Forderungen von Banken empfinden viele als unzumutbare Einmischung in Familienangelegenheiten. Insbesondere wenn die Banker die Familien nicht schonend vorbereitet haben. "Unternehmerfamilien müssen im Laufe des Bestehens ihrer Firma so einige Klippen und Krisen bewältigen, die nur schwer ohne einen neutralen Berater zu meistern sind", weiß Anwalt Brun-Hagen Hennerkes aus Stuttgart, der auf Familienunternehmen spezialisiert ist. Das Problem: "Viele Berater trauen sich nicht, dem Firmenpatriarch reinen Wein einzuschenken und ihm zu widersprechen, wenn er offenkundig falsche Entscheidungen trifft."

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