Kündigungen für Januar erwartet
Karmann baut künftig keine Autos mehr

Nach monatelangem, vergeblichen Ringen um einen neuen Auftrag schließt Karmann das Kapitel Fahrzeugbau ab. Das Familienunternehmen konzentriert sich auf die verbleibenden drei Sparten Fahrzeugentwicklung, Cabriodächer und Produktionsplanung. Bis zu 1 725 Stellen sind gefährdet – erste Kündigungen werden für Januar erwartet.

HAMBURG. Dies teilte Firmenchef Peter Harbig gestern am Stammsitz Osnabrück mit: „Das Unternehmen wird radikal modernisiert. Wir werden in Zukunft ein lupenreiner Zulieferer.“

Der Umsatz soll auf 500 Mill. Euro schrumpfen. Für dieses Jahr erwartet Harbig noch 1,2 Mrd. Euro. Die Verhandlungen zwischen Unternehmensspitze und Arbeitnehmervertretern über einen Sozialplan laufen. Erste Kündigungen stehen für Januar an. Im schlimmsten Fall sind 1 725 Arbeitsplätze gefährdet.

Beide Seiten erwarten harte Verhandlungen. „Die Beschäftigten haben sich jahrzehntelang für das Unternehmen eingesetzt, jetzt sollen sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden“, kritisierte ein Sprecher der IG Metall Niedersachsen. Der Betriebsrat kündigte eine Klausurtagung der Arbeitnehmervertreter und eine Betriebsversammlung für den 30. September an.

Der eigenständige Autobauer Karmann, der von der Entwicklung bis zur Fertigung eines Wagens alle Bereiche abdeckt, ist damit nach mehr als 100 Jahren Geschichte. Von 1902 an fertigten die Osnabrücker Karosserien, in den 30er Jahren bauten sie die Cabriolet-Versionen der Marke Adler, von 1949 an fabrizierten sie das selbst entwickelte Cabrio des Käfers und später des Golfs für Volkswagen. Der Karmann Ghia gilt als Glanzpunkt der Firmenhistorie.

„Es gibt keine Perspektive. Karmann fehlen schlicht die Aufträge. Eine Schließung des Fahrzeugbaus ist deshalb unausweichlich, um den Rest eine Zukunft zu bieten“, sagt Branchenspezialist Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der FH Gelsenkirchen. Angesichts der Branchenkrise und Fortschritten in der Fertigung stellen die großen Autokonzerne auch Nischenmodelle wie Coupés und Cabriolets mittlerweile in ihren eigenen Werken her.

Karmann-Chef Harbig sieht nach dem harten Einschnitt den Fortbestand der verbleibenden 2 400 Arbeitsplätze als gesichert an: „Der Umbau Karmanns führt zu einem neuen Unternehmen mit einer hohen Marktakzeptanz. Wichtig ist, dass wir eine Basis gefunden haben, von der aus weiteres Wachstum möglich ist.“ Mit der neuen Struktur sollte der Familienbetrieb eine „große Rolle im Markt spielen können“.

Karmann gelang es zuletzt etwa, den Auftrag für das Dach des Mini Cabrios aus dem BMW-Konzern zu ergattern. Sonst findet Wachstum in der Dachsparte aber vor allem im Ausland statt, sagte Harbig. „Im Augenblick merken wir, dass die Volumina in Europa fallen, auch bei den Dachsystemen.“

Die Niedersachsen betreiben Fertigungsstätten in England, Polen, Mexiko und den USA. Ende des Jahres folgt eine Fabrik in Japan. Bis zum kommenden Jahr will Harbig die Zahl der im Ausland beschäftigten Mitarbeiter um bis zu 300 auf dann 1 300 ausbauen. Allerdings ist die Aussicht auch im Dachgeschäft nicht ungetrübt. „Der Wettbewerb intensiviert sich“, sagt Dudenhöffer. Vor allem die asiatische Konkurrenz nehme zu.

Der Autoexperte kritisierte die Familiengesellschafter, Nachfahren des Firmengründers Wilhelm Karmann. Im Gegensatz zum österreichischen Konkurrenten Magna Steyr hätten sie es nicht geschafft, eine enge Beziehung zu den Autoherstellern als Auftraggebern zu knüpfen. „Magna ist dichter dran“, sagte Dudenhöffer. Alle drei Aufträge der vergangenen Monate – von BMW, Aston Martin und der französischen PSA – gingen an den österreichischen Wettbewerber Magna Steyr.

Finanzchef Wilhelm Dietrich Karmann, der zugleich Gesellschafter ist, unterstrich gestern, dass die drei Familienstämme weiterhin „alle Optionen“ prüften. Dazu gehörten die Suche nach einem Partner, ein Teil- oder Komplettverkauf. Anfang Juni hatte das Handelsblatt berichtet, dass die neun Eigentümer dazu die Frankfurter Investmentspezialisten vom Bankhaus Rothschild und von Georgieff Capital als Berater eingeschaltet haben. Gespräche gab es zuletzt vor allem mit asiatischen Herstellern. Der letzte Montagejob in Osnabrück, das Mercedes CLK Cabrio, läuft im Herbst 2009 aus.

Das Aus für den Fahrzeugbau zeichnete sich seit Herbst 2007 ab. Ein Rest Hoffnung bleibt: Gelingt es Harbig bis zum Jahresende, den Fertigungsauftrag für ein bereits entwickeltes Auto zu erhalten, könnten zumindest Teile der Kündigungen ausgesetzt werden.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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