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Kultur und Kreativität: Deutschlands neuer Mittelstand

Maschinen, Lagerhallen und Arbeiter im Blaumann prägen das Bild vom deutschen Mittelstand. Doch zum Mittelstand der Zukunft gehört ein "bunter, schwer verstehbarer Kosmos": der Milliardenmarkt Kultur & Kreativität.

Die Förderbank KfW investiert immer stärker in der Kreativwirtschaft. Quelle: dpa
Die Förderbank KfW investiert immer stärker in der Kreativwirtschaft. Quelle: dpa

Mikrokredite gibt es bisher nur für die Ärmsten der Armen. Doch seit der Weltwirtschaftskrise bricht das Geschäft mit den Minidarlehen überall durchs finanzwirtschaftliche Unterholz – auch in Deutschland. Nach zehn Jahren, in denen die Kleinkreditgeber im Schatten
der Banken und Sparkassen wuselten, beauftragte die Bundesregierung Anfang 2010 die GLS Bank mit dem Aufbau eines Netzes von Mikrofinanzinstituten. Dazu wurde der "Mikrokreditfonds Deutschland" aufgelegt und mit 100 Millionen Euro ausgestattet. 60 Millionen Euro stammen aus dem Europäischen Sozialfonds. Den Rest steuert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bei. Der Schritt war notwendig, weil trotz Aufschwung und Fachkräftemangel weiterhin viele Bürger durch das soziale Netz rutschen.
Betroffen sind dabei nicht nur Ältere, Alleinerziehende und Arbeitslose, sondern auch diejenigen, die jung und innovativ sind, die als Hoffnungsträger gelten und die zum Wirtschaftswachstum ebenso beitragen wie zur Lebensqualität: die Kulturschaffenden und Kreativen.

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In keiner Branche ist die Mittelschicht so dünn wie in dieser. Einer Handvoll Topverdienern steht ein Heer von Hungerkünstlern gegenüber. Nach den Berechnungen der Künstlersozialkasse (KSK) liegt das durchschnittliche Einkommen eines kreativen Freiberuflers bei 13.288 Euro – pro Jahr. Festangestellte verdienen oft auch nicht mehr, und eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. Während sich Metallarbeiter auf traditionsreiche Gewerkschaften und Mediziner auf starke Standesvertretungen stützen können, ist die Lobby der Musiker, Modemacher oder Multimediadesigner schwach vernetzt und chronisch unterfinanziert. Damit rollt eine neue Armutswelle heran, deren Wucht die Innovations- und Wissensgesellschaften härter treffen wird als alles, was bisher an Problemen aus der Unterschicht hochgeschwemmt wird. Denn diesmal geht es nicht nur um monetäre Transferleistungen, diesmal geht es um Ideen, die die Wirtschaft nach vorn bringen.

Die Politiker haben den Ernst der Lage mittlerweile erkannt. Seit die Enquetekommission „Kultur in Deutschland“ vor drei Jahren ihren 512-seitigen Abschlussbericht ins Parlament einbrachte, steht das Thema in den Arbeitsprogrammen des Wirtschaftsministers und des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Auch der Bundestag hat die Kreativen auf der Agenda. Über den Kurs herrscht dabei weitgehend Einigkeit. SPD, Grüne und Linke betonen zwar mehr die soziale Absicherung und die Wichtigkeit der kulturellen Bildung, am Ende geht es aber auch der Opposition – genauso wie der Koalition – darum, die Kultur- und Kreativwirtschaft als Wachstumsbranche" zu etablieren.
Im Fokus stehen dabei elf Märkte: die Musikwirtschaft, der Buchmarkt, der Kunstmarkt, die Filmwirtschaft, die Rundfunkwirtschaft, der Markt für darstellende Künste, die Designwirtschaft, der Architekturmarkt, der Pressemarkt, der Werbemarkt sowie die Software/Games-Industrie.

Die ökonomische Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft ist schon heute unbestreitbar. 2009 erwirtschafteten rund eine Millionen Erwerbstätige 131 Milliarden Euro Umsatz. Viele Konzerne leben vom Input der Kreativen, und auch Mittelständler profitieren von der Dynamik dieser Branche. Zum Beispiel Hans-Hubert Imhoff, der im Ruhrgebiet einen Catering-Service betreibt und im Restaurant- und Hotelgeschäft tätig ist. Die „Ruhr 2010“, das Kulturereignis des vergangenen Jahres, bescherte seinem Unternehmen einen „deutlichen Umsatzzuwachs“ und, was ihm fast noch wichtiger ist, dem Revier einen beachtlichen Imagegewinn. Nach ersten Schätzungen kamen zehn bis zwölf Millionen Besucher. „Plötzlich gab es hier Touristen“, schwärmt Imhoff und setzt voller Stolz hinzu: „Wenn ich früher im Urlaub gefragt wurde, woher ich komme, dann habe ich immer gesagt: aus Essen in der Nähe von Düsseldorf.“ Seit dem Ruhr-Spektakel lässt er den erklärenden Zusatz weg.

Um weiterhin kreative Energien – wie die in der Ruhr 2010 – freizusetzen und die Entwicklung eines eigenständigen Wirtschaftsfelds voranzutreiben, eröffneten Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Kulturstaatsminister Bernd Neumann Ende 2009 das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft“, das beim Rationalisierungs- und Innovationszentrum der deutschen Wirtschaft (RKW) angesiedelt ist. Die Zentrale in Eschborn und acht Regionalbüros sind seither die Anlaufstelle für alle Belange der Kreativen. Mit der Ernennung seines parlamentarischen Staatssekretärs Hans-Joachim Otto zum Verantwortlichen für die Kreativwirtschaft, mit dem Wettbewerb „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ und mit der Fortsetzung der „Initiative Kultur und Kreativwirtschaft“, die die CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhrl ins Leben gerufen hat, zeigt der Wirtschaftsminister außerdem, dass er das Thema für wichtig und ausbaufähig hält, eine Position übrigens, die auch die Europäische Kommission vertritt.

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