Kunststoffspezialist
Hesse Thermoformung: Nischen nutzen

Leuchtreklamen, Müllschlucker und Katzenklos: Mit viel Freude am Tüfteln macht der Mittelständler Hesse Thermoformung auch in der Krise noch Gewinn. Eine ausgeklügelte Nischenstrategie hat das Unternehmen durch sechs Jahrzehnte gebracht. Jetzt will der junge Chef neue Wege gehen.

WIWO DÜSSELDORF. Die Kneipe "Venhoven", in der Eberhard Krings das Katzenklo erdacht hat, gibt es heute nicht mehr. Das Gebäude in der Nähe des Emmericher Bahnhofs steht inzwischen leer. Mitte der Siebzigerjahre saß Krings dort mit dem Verkaufsleiter des Katzenfutterherstellers Gimborn auf ein paar Bier zusammen. Krings hatte damals gerade die Firma Lothar Hesse übernommen, einen Spezialisten für Kunststoffverpackungen. Die beiden Geschäftsleute sprachen in der Kneipe bald über das Geschäft von Katzen: Immer mehr Stubentiger wurden in Wohnungen gehalten. Doch wohin mit deren Hinterlassenschaften? Auf einen Bierdeckel zeichneten sie die ersten Entwürfe für ein Katzenklo. 1978 war die Idee serienreif: Hesse Thermoformung fertigte die ersten modernen Katzen-Haustoiletten in Europa - aus Kunststoff.

Seit seiner Gründung 1949 hat der kleine Mittelständler vom Niederrhein - im vergangenen Jahr erwirtschafteten 34 Mitarbeiter vier Millionen Euro Umsatz - ganz unterschiedliche Produkte auf den Markt gebracht: Leuchtreklamen, Müllschlucker - und eben Katzenklos. "Wir haben immer profitable Nischen gesucht und gefunden", resümiert Krings, "und sind auf diese Weise gut durch die vergangenen sechs Jahrzehnte gekommen." Selbst in der aktuellen Krise macht der Kunststoffspezialist vom Niederrhein noch Gewinn.

Krings hat das Unternehmen 1974 übernommen. Firmengründer Lothar Hesse, der 1949 in Berlin mit der Fertigung von Leuchtreklamen begann, dann Kunststoffverpackungen für den Chemiekonzern Akzo produzierte und das Unternehmen deshalb nach Emmerich in die Nähe des Auftraggebers verlegte, war kurz zuvor tödlich verunglückt. Der gelernte Maschinenschlosser und studierte Wirtschaftsingenieur Krings, damals gerade 30 Jahre alt und nach einem Traineeprogramm in der Marketingabteilung bei Ford beschäftigt, suchte eine neue berufliche Herausforderung. "Für mich war immer klar, dass ich mich selbstständig machen will", erzählt Krings. Mit Hesses Witwe wurde er schnell einig.

Schritt für Schritt baute Krings den Ein-Mannbetrieb aus. Der Tüftler entwickelte einen Mülleimer mit Verschweißtechnik, den Krankenhäuser für die Entsorgung septischer Abfälle nutzen. Der "Septophag" wurde sein erster großer Erfolg. Anschließend kamen die Katzenklos. Thermoform-Teile von Hesse gibt es für die unterschiedlichsten Anwendungen: Zu finden sind sie in Brutkästen, Sonnenbänken, Hühnerställen, Zahnarztstühlen und Dachluken für Omnibusse. Die Maschinen, auf denen Hesse solche Teile produziert, haben schon einige Jahre auf dem Buckel.

Das Unternehmen verdient gut: In den vergangenen Jahren erwirtschaftete Hesse eine Umsatzrendite von durchschnittlich 20 bis 25 Prozent - der Chef rechnet mit spitzem Bleistift, bevor er Verträge unterschreibt. "Ich hätte auch den doppelten Umsatz erreichen können, aber ich habe häufiger einen Auftrag abgelehnt, wenn er nicht genug Gewinn eingebracht hat", sagt Krings, der auch Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung der CDU in Goch ist. Eine potenzielle Kundin aus der Caravan-Branche beschied Krings einmal: "Mit Ihren Produkten belaste ich doch meine Maschinen nicht."

Zu Beginn dieses Jahres hat Krings das Unternehmen an Thomas Schwarzkopf verkauft, der sich nach Stationen bei den Autozulieferern TRW und Tyco und dem Gebäudedienstleister Schubert selbstständig machen wollte - wie Krings vor 35 Jahren. Der 40-jährige studierte Betriebswirt hat sich einen schwierigen Zeitpunkt für die Übernahme ausgesucht. Zwar liegt der Umsatz im ersten Quartal des Jahres fünf Prozent über Vorjahr, doch seit April geht der Umsatz deutlich zurück: Einige der Baumaschinenhersteller, die Hesse mit Kunststoffteilen beliefert, haben Aufträge verschoben. Schwarzkopf rechnet auch im Gesamtjahr mit einem Umsatzrückgang, will aber weiter schwarze Zahlen schreiben. Der neue Chef denkt zum Beispiel über die Einführung von Arbeitszeitkonten nach.

Auch dem mittlerweile 65 Jahre alten Ex-Chef Krings - er mischt weiter als Berater mit und ist noch häufig in der Firma anzutreffen - ist in seinem Berufsleben nicht alles gelungen: An der Erfindung des Katzenklos etwa hatte er nur wenig Freude. Tatsächlich wurden insgesamt gerade mal gut 30 000 Katzenklos produziert. Katzenfutterhersteller Gimborn ließ sich - statt von Hesse - lieber von einem Lieferanten aus Holland mit Kunststoffteilen beliefern.

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