Lebensmittelrecht
„Gravierende Folgen für die Werbung“

"Der rote Punkt heißt nicht, dass ein Produkt schlecht ist." Im Interview mit Handelsblatt.com nimmt der Lebensmittelrechtsexperte Alfred Hagen Meyer Stellung zu geplanten neuen EU-Vorschriften für Lebensmittelhersteller und den Schwächen des Ampelmodells.

Handelsblatt: Die EU-Kommission soll bis 2009 "Nährwertprofile" im Rahmen der Health-Claims-Verordnung erarbeitet haben - was kommt da auf die Lebensmittelhersteller zu?

Meyer: Früher war alles erlaubt, was nicht verboten war. Künftig ist alles verboten, was nicht erlaubt wird. Wo "reich an Vitamin C" drauf steht, muss 30 Prozent des Tagesbedarfs drin sein. Die Profile sollen vorgeben, welchen Gehalt an Fett, Zucker, Salz oder gesättigten Fettsäuren Lebensmittel haben dürfen, um als gut oder schlecht eingestuft zu werden. Was dann nicht den Nährwertprofilen entspricht, aber trotzdem nicht ungesund ist, dürfte nur mit einem Hinweis wie "fettfrei - aber hoher Gehalt an Zucker" versehen sein.

Welche Folgen hat das für die Werbung?

Ganz gravierende. In der Vergangenheit durfte Werbung lediglich nicht irreführend sein. Jetzt müssen die gleichen Aussagen über ein Produkt in einem komplexen, sehr zeit- und kostenintensiven Verfahren geprüft und genehmigt werden.

Was genau sind denn nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben?

Nährwertbezogene Angaben sind Informationen wie "fettarm", "ballaststoffreich" oder "zuckerfrei". Mit gesundheitsbezogenen Angaben sind die Wirkungen von Lebensmitteln gemeint, wie "schlank machend" oder "Cholesterin senkend".

Und wie wird darüber entschieden, was zugelassen ist und was nicht?

Entweder sind die Angaben in der zukünftigen Gemeinschaftsliste der EU-Kommission enthalten, und dann zulässig. Wenn die Angaben nicht in der Liste stehen, muss der Hersteller die Zulassung bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beantragen. Die Verfahren gestalten sich extrem aufwändig und langwierig.

Schafft die Kommission es überhaupt, in der kurzen Zeit die nötigen Nährwertprofile zu definieren?

Das bleibt in der Tat abzuwarten. EFSA-Vertreter haben schon angekündigt, dass sie sich außer Stande sehen, solche Nährwertprofile zu erstellen. Bislang hat die EFSA nur Vorschläge dazu gemacht, wie Nährwertprofile erarbeitet werden könnten. Es könnte durchaus sein, dass statt der Nährwertprofile andere Hinweise eingeführt werden.

Daran arbeiten Regierungen ja bereits: Die Bundesregierung will Lebensmittelhersteller verpflichten, ihre Ware mit einer Ampel rot, gelb oder grün zu kennzeichnen. Ist das ein besserer Weg?

Nein. Das würde beim Verbraucher nur große Verunsicherung hervorrufen. Die Bewertung richtet sich nach dem Gehalt von Fett, Zucker und Salz - und sie gibt falsche Signale über gesunde und ungesunde Lebensmittel. Außerdem ist das Ampelmodell wissenschaftlich nicht haltbar, und die Grenzen zwischen grün, gelb und rot willkürlich.

Immerhin hätten Verbraucher einen Anhaltspunkt, was gesund ist und was nicht, oder?

Im Gegenteil: Der Verbraucher sieht einen roten Punkt und denkt, das Produkt ist schlecht. Aber das stimmt nicht immer. Bei Olivenöl zum Beispiel, obwohl gesund, würde der Fettsäuregehalt mit rot stigmatisiert. Andererseits suggerieren grüne Punkte die scheinbar beste Wahl. Wer immer dasselbe "grüne" Produkt isst, ernährt sich aber mit Sicherheit einseitig falsch.

Die Fragen stellte Judith Winkler.

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