Managment
Führung in der Krise

Mittelständische Unternehmen sind häufig sehr stark auf die Person des Unternehmers zugeschnitten. Wenn der Chef unerwartet stirbt oder erkrankt, ist die Firma oft über Nacht praktisch handlungsunfähig. Wie Notfallpläne und das Einrichten einer zweiten Führungsebene helfen, das Risiko zu begrenzen.

KÖLN. Als sich der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle im Januar das Leben nahm, war das für seine Familie ein Schock. Und darüber hinaus auch für Merckles gesamtes Firmenimperium. Denn das Unternehmen war voll und ganz auf den Firmenchef konzentriert, der den Arzneimittelbetrieb seines Vaters über Jahre zu einem weit verzweigten Konzern ausgebaut hatte.

Über Nacht war das Unternehmen führungslos geworden, und das zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Denn der Konzern war in den vorausgegangenen Monaten durch Fehlspekulationen Merckles in eine finanzielle Notlage geraten. Nun fehlte die Identifikationsfigur für Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden. Die Familie hatte indes nicht nur den Verlust zu betrauern, sondern musste sich auch darum kümmern, das Unternehmen zu retten.

Eine solche Krise nach dem Tod des Chefs ist kein Einzelfall. Nach Hochrechnungen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) sind mehr als 26 Prozent aller Unternehmensnachfolgen unerwartet: Etwa weil der Chef stirbt oder schwer erkrankt. Während aber bei großen Unternehmen häufig ein Stellvertreter die Geschäfte übernehmen kann, sind kleinere Unternehmen auf einen solchen Fall oft nicht ausreichend vorbereitet. Im schlimmsten Fall hinterlässt ein Unternehmer kein rechtsgültiges Testament - zwei Drittel aller Chefs sterben Schätzungen zufolge ohne einen letzten Willen.

"Mittelständische Unternehmen sind in der Regel sehr stark auf den Chef zugeschnitten, der den Betrieb nach seinen Wünschen geformt hat", sagt Maria Wirtz, Spezialistin für Mittelstands-Nachfolgeberatung bei der Kölner Unternehmensberatung TMS. Während Unternehmen so in guten Zeiten schlagkräftig auftreten können, sind sie ohne den Chef oft handlungsunfähig. Für Mittelständler birgt das ein großes Risiko - schon bei ganz alltäglichen Dingen. "Das fängt manchmal schon mit der Frage an, wer die Büros aufschließen kann, wenn der Unternehmer nicht da ist", erklärt Wirtz.

Vor allem aber sind Kunden und Mitarbeiter verunsichert, Banken kürzen häufig sogar den Überziehungskredit. Und: "Geschäftspartner haben mitunter ein außerordentliches Kündigungsrecht bei einer Änderungen in der Gesellschafterstruktur oder der Geschäftsführung", warnt Nachfolgespezialistin Wirtz. In einem ihr bekannten Fall starb der 38-jährige Chef eines Sanitärunternehmens zwei Jahre nach der Firmenübernahme, ohne dass er für den Notfall vorgesorgt hatte. Nur vier Tage später hatte ein Konkurrent aufgrund der Führungskrise die besten Kunden abgeworben.

Damit die Nachfolger an der Unternehmensspitze wenigstens kurzfristig handlungsfähig sind, sollten Unternehmer einen Notfallplan in Form einer Akte ausarbeiten, rät Unternehmensberaterin Wirtz. Diese Akte enthält Generalvollmachten für Ehegatten und Kinder, eine Liste mit den wichtigsten Passwörtern und die Zugangsdaten und Geheimnummern für alle Konten. Außerdem gehören Testament und Ehevertrag in einen solchen Notfallplan, beide Dokumente sollten regelmäßig aktualisiert werden.

"Ein solcher Notfallplan allein reicht allerdings oft nicht aus", mahnt Frank Wallau, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn. Um das Unternehmen zu rüsten, sollte der Chef frühzeitig damit beginnen, Kompetenzen abzugeben. "Der Unternehmer sollte seinen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, sich zu beweisen und mit den Aufgaben zu wachsen", rät Wallau. So kann der Chef schrittweise eine zweite Führungsebene aufbauen.

Dazu kann beispielsweise auch ein längerer Urlaub dienen. Währenddessen kann der Unternehmer erkennen, ob der Betrieb im Notfall auch ohne ihn überlebensfähig wäre. Doch viele Unternehmer halten sich generell für unentbehrlich und wollen keine Entscheidungen anderen überlassen.

Die rechtzeitige Vorsorge ist demnach auch ein psychologisches Problem. "Bereits mit der Existenzgründung sollte für den Notfall vorgesorgt werden", sagt Wallau. Die wenigsten Firmengründer wollen sich aber zu Beginn mit dem eigenen Tod befassen, der Unternehmer fühlt sich gesund, das Thema Notfall schiebt er nach hinten. Dabei könnte ein Krisenplan schon bei einer längeren Krankheit des Chefs hilfreich sein.

Neben dem Abgeben von Kompetenzen und dem Aufbau von weiteren Führungskräften im Unternehmen kann auch ein informeller Beirat Schutz bieten. Steuerberater und Anwalt, befreundete Unternehmen, der Bankberater, Großkunden und wichtige Lieferanten können die Erben und Führungskräfte im Notfall unterstützen. "Letztendlich geht es für den Unternehmer immer darum, im Falle des Todes nicht nur die Firma, sondern auch die eigene Familie abzusichern", erklärt Unternehmensberaterin Wirtz.

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