Marc O'Polo, Bosch, Oldenburg & Co.
Innovation made in Germany

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Mit Kleidern bröckelnde Fassaden retten

V. Fraas, Helmbrechts: Eroberer

Es klingt wie Science-Fiction: Federleichte Textilien sollen bröckelnde Altbauten vor dem Zerfall retten. Ein paar Lagen Stoff ersetzen den Stahl im Beton, und schon erhält das Gemäuer eine neue enorme Festigkeit.

So stellt sich Roy Thyroff das vor. Der 44-Jährige ist Geschäftsführer der V. Fraas Solutions in Textile GmbH, eines Tochterunternehmens der Firma V. Fraas im oberfränkischen Helmbrechts. Das Familienunternehmen mit rund 600 Mitarbeitern und 61 Millionen Euro Jahresumsatz stellt eigentlich Schals und sonstige textile Accessoires her. Das Geschäft läuft gut, die Frage ist nur, wie lange noch.

Deshalb hat Manager Thyroff den Auftrag erhalten, ein weiteres Standbein aufzubauen. Seit Kurzem besitzt die neue Tochter eine Zulassung für sogenannten Textilbeton im Deckenbereich. Dabei werden zwei Zentimeter dünne Geflechte aus Carbongarn (Kohlefaser) auf einer Fläche fixiert und mit Spritzbeton ummantelt. Dadurch wird zum Beispiel eine Decke kaum schwerer, zudem sind Risse künftig passé. „Damit können wir Gebäude statisch wieder verstärken“, sagt Thyroff.

Viele Jahre lang galt die Textilindustrie als aussterbende Branche in Deutschland, doch das ändert sich gerade. Dafür stehen vor allem Hersteller technischer Textilien wie V. Fraas. Die Oberfranken haben sich zum Ziel gesetzt, die Baubranche zu erobern und dadurch in Deutschland neue Textiljobs zu schaffen. Die Bundesregierung fördert Textilbeton-Projekte im Rahmen von Forschungsarbeiten an der TU Dresden mit 45 Millionen Euro. Bis zu 3000 Jobs sollen dadurch in den nächsten zehn Jahren entstehen.

V. Fraas und eine Reihe anderer Unternehmen sehen ihre Chance in den Schwächen von Stahlbeton. Nach 40 bis 80 Jahren rostet der Stahl und der Beton bröckelt. V. Fraas-Manager Thyroff will dazu beitragen, 20 Prozent des Stahlbetons durch Textilbeton zu ersetzen. Die hauchdünnen Carbonfasern, die zu gitterartigen Geflechten verbunden und durch chemische Beschichtung stabilisiert werden, rosten nicht. „Korrosion ist aber das A und O, warum ein Bauteil kaputt geht“, sagt Thyroff. „Wo keine Korrosion ist, gibt es auch keinen Bauschaden.“

Angetrieben werden Textilmanager wie Thyroff letztlich aber von der Existenzangst. In Oberfranken etwa stellte die Textilindustrie einst 30 Prozent der Arbeitsplätze. Heute sind es nur etwas mehr als fünf Prozent. Fast fünf Millionen Euro hat der neue Ableger von V. Fraas bisher in die Entwicklung gesteckt. Nun steht er mit Textilbeton vor dem Durchbruch. Mit Stahlbeton wurden 2013 in Deutschland rund 8,2 Milliarden Euro umgesetzt. Davon möchte V. Fraas 20 Prozent – also gut 1,6 Milliarden Euro – in seine Bücher umleiten.

Zwar sind Carbonfasern 20-mal teurer als Stahl, aber Textilbeton benötigt auch 85 Prozent weniger Zement. Durch die längere Haltbarkeit des Werkstoffs könnte die Rechnung aufgehen. „In zehn Jahren wird Textilbeton Standard des modernen Bauens sein“, sagt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Verbands der deutschen Textil- und Modeindustrie.

Von den 105.000 Brücken des Bundes und der Kommunen ist etwa die Hälfte reparaturbedürftig, jede siebte muss ersetzt werden. „Die Zeit spielt uns in die Hände“, sagt Thyroff.

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