Mittelstand

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Marktführer: Deutschlands geheime Champions

Deutschland ist Dauer-Weltmeister. Nicht bei einer Sportart, sondern in der Firmenwelt. Kein anderes Land hat so viele Marktführer. Doch diese Hidden Champions aus dem Mittelstand wollen geheim bleiben. Warum eigentlich?

Weltmeister im Fußball ist Deutschland leider nicht, aber sehr wohl bei Mittelständlern. Quelle: Reuters
Weltmeister im Fußball ist Deutschland leider nicht, aber sehr wohl bei Mittelständlern. Quelle: Reuters

DüsseldorfKennen Sie die Firma M+C Schiffer? Nein? Aber Sie haben deren Produkte sicherlich schon in der Hand gehabt. Denn das Unternehmen aus Schiffer an der Neustadt ist der größte konzernunabhängige Zahnbürstenhersteller der Welt. Das Besondere  bei M+C ist die Fokussierung:  Die Firma stellt nur Zahnbürsten her – eine Million pro Tag. Den gesamten Rest der Wertschöpfungskette übernehmen andere.

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Solche Firmen sind es, die Deutschland ausmachen. Die sogenannten Hidden Champions: kleinere oder mittelgroße Unternehmen, die in ihrem Bereich zu den Weltmarktführern gehören.  Deutschland ist voll ihnen. Während vielen die Pistenbullys von Kässbohrer noch ein Begriff sind, ist weniger bekannt, dass keine Firma mehr Rollen für Krankhausbetten herstellt als die Firma Tente aus Wermelskirchen.

Dabei bedeutet Marktführerschaft für diese Unternehmen in der Regel mehr, als bloß einen möglichst großen Anteil am gesamten Kuchen zu erhaschen: „Sie beanspruchen, Kunden, Wettbewerber und ihre Märkte durch das Setzen von Standards und Benchmarks zu führen“, wie Hermann Simon in seinem neuen Buch „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“ schreibt.

Hidden Champions Die spektakulärsten Spezialisten aus Deutschland

  • Hidden Champions: Die spektakulärsten Spezialisten aus Deutschland
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  • Hidden Champions: Die spektakulärsten Spezialisten aus Deutschland

Simon ist seit Jahrzehnten den Geheimnissen von den Firmen auf der Spur, die im Schatten der Öffentlichkeit zu Weltmarktführern aufgestiegen sind. Seit 1996 schreibt er Bestseller. In dem heute erscheinenden Buch beschreibt Simon zugleich anschaulich und detailgetreu, was diese Unternehmen ausmacht, wie sie so erfolgreich wurden und was das für den Standort Deutschland bedeutet.

So wie Hiby, die praktisch alle Zapfpistolen Deutschlands herstellen und auch weltweit agieren. Oder Poly Clip  aus Frankfurt, die Nummer eins für Clips für Wurstpellen in der Welt. Die Firma Gottschalk ist Europas einziger Hersteller von Heftzwecken, Pöschl dominiert den Schnupftabak-Markt und Müller den für Rasierpinsel. Hi-Cone ist aus keinem US-Supermarkt wegzudenken, denn das Unternehmen hat faktisch ein weltweites Monopol für die Plastikringe, die einen Sechserpack Cola-Dosen oder Bier zusammenhalten. Es gibt praktisch kein Buch auf der Welt, das nicht mit den Bindemaschinen von Kolbus in Berührung kommt.

Deutschlands geheime Weltmeister

  • Beispiele für Hidden Champions

    Anschaulicher als abstrakte Statistiken sind Fallbeschreibungen ausgewählter Hidden Champions. Obwohl uns ihre Erzeugnisse ständig umgeben, haben wir von den weitaus meisten dieser Firmen nie gehört. Die folgende Auswahl vermittelt einen Eindruck von der schillernden Vielfalt, den Marktpositionen, den Besonderheiten dieser Firmen.

  • Flexi

    Ein Unternehmen wie Flexi kann es in Deutschland eigentlich nicht geben. Flexi hat bei Rollleinen für Hunde einen Weltmarktanteil von rund 70 %, fertigt ausschließlich in einer Manufaktur in Deutschland und exportiert mehr als 90 % seiner Produkte in über 50 Länder. Alle Versuche chinesischer Konkurrenten, Flexi den Markt wegzunehmen, verliefen bisher im Sande. Im Gegenteil, Flexi greift in Asien mit voller Kraft an, der Vormarsch nach Globalia geht weiter. Bis 2020 soll der Umsatz von heute rund 50 Millionen auf 100 Millionen Euro verdoppelt werden.

  • Utsch

    Haben Sie jemals darüber nachgedacht, woher das Kennzeichen Ihres Autos stammt? Der Weltmarktführer auf diesem Gebiet ist die Firma Utsch aus Siegen. Auf der Utsch-Homepage heißt es: „Lange bevor 'Globalisierung' zum Begriff wurde, war sie für Utsch Tagesgeschäft.“ Das ist keinesfalls übertrieben. In mehr als 120 Ländern gibt es Kfz-Kennzeichen von Utsch. Mit seinen 500 Mitarbeitern und 250 Millionen Euro Umsatz ist Utsch längst in Globalia zu Hause.

  • Invers

    Da wir gerade in Siegen sind, dem Zentrum des unscheinbaren Siegerlandes: Dort sitzt auch der Weltmarktführer für Carsharing-Systeme, die Firma Invers. Carsharing ist ein neu entstehender Markt, der durch die geänderten Mobilitätsbedürfnisse großes Zukunftspotenzial verspricht. Uwe Latsch beschäftigte sich seit Anfang der 90er Jahre mit Carsharing-Technologie. Die Firma Invers führt er heute zusammen mit Alexander Kirn. Die Systeme sind nicht nur bei führenden Carsharing-Anbietern in Europa, sondern auch in den USA und Asien, wo Invers eigene Niederlassungen unterhält, im Einsatz.

  • IP Labs

    Vielleicht haben Sie schon einmal ein digitales Fotobuch bestellt. Die Chance ist groß, dass die bei der Zusammenstellung, Bestellung und Produktion eingesetzte Software von IP Labs stammt. Das junge Bonner Unternehmen ist Weltmarktführer auf diesem Gebiet. Von Frank Thelen und Georg Sommershof im Jahr 2003 gegründet, gehört dieser Hidden Champion heute zum japanischen Fuji-Film-Konzern, der seinerseits eine globale Führungsposition im Fotomarkt besitzt. Laut Mitgründer und Geschäftsführer Georg Sommershof gibt es in Europa praktisch keine Konkurrenz für IP Labs.

  • Delo

    Ob im Airbag-Sensor, dem Chip auf EC-Karten oder Reisepässen – Delo- Klebstoffe haben sich, vom Verbraucher unbemerkt, in vielen Bereichen unentbehrlich gemacht. Besonders in neuen Technologien wie Smartcards nimmt Delo eine weltweit führende Stellung ein. In drei von vier Chipkarten weltweit stecken Klebstoffe von Delo.

  • Belfor

    Belfor ist der globale Marktführer für die Sanierung von Brand-, Wasserund Sturmschäden. Mit einer knappen Milliarde Euro Umsatz und gut 5 000 Mitarbeitern übertrifft Belfor seinen stärksten Konkurrenten um mehr als das Doppelte und ist die einzige Firma, die diese Spezialdienstleistung weltweit anbietet.

  • Trodat

    Die Produkte dieses österreichischen Hidden Champions finden sich auf Schreibtischen in 160 Ländern. Trodat ist seit den 1960er Jahren unangefochtener Weltmarktführer bei Stempeln. Auch die Erfindung des ersten farbigen Stempels geht auf das Konto von Trodat. Die Exportquote liegt bei 98 %.

  • Jungbunzlauer

    Wenn Sie eine Coca-Cola trinken, denken Sie vermutlich nicht an Jungbunzlauer. Dabei steckt in jeder Coca-Cola die Zitronensäure dieses Weltmarktführers österreichisch-schweizerischer Provenienz.

  • Temenos

    Nein, Temenos ist kein griechischer Philosoph. Die Temenos Group AG wurde 1993 in der Schweiz gegründet und ist heute der weltmarktführende Anbieter von Software für Retail, Corporate, Correspondent, Universal, Private, Islamic und Community Banking sowie Microfinance. Am Firmenstammsitz in Genf und in 56 weltweiten Niederlassungen arbeiten 3 500 Beschäftigte für über 1 000 Finanzinstitute in mehr als 125 Ländern der Welt.

  • Isovoltaic

    Die europäische Photovoltaik-Industrie hat seit 2010 ihre führende Position im Weltmarkt verloren. Doch für die österreichische Firma Isovoltaic gilt das nicht. Dieser Hidden Champion ist klarer Weltmarkt- und Technologieführer bei Rückseitenfolien für Photovoltaik-Module. Diese Folien schützen die Solarzellen vor Umwelteinflüssen und werden von allen Modulherstellern gebraucht. Mit einer eigenen Produktion in China ist Isovoltaic nahe an seinen Kunden im mittlerweile größten Markt für Solarmodule.

  • Gottschalk

    Bedenken wir jemals, dass kleine Alltagsgegenstände wie Heftzwecken oder Büroklammern von irgendjemandem hergestellt werden müssen? Im Falle der Heftzwecken (je nach Region auch Reißzwecken, Reißnägel oder Reißbrettstifte genannt) erledigt das Rolf Gottschalk aus Arnsberg im Sauerland. Seine Firma ist der einzige Hersteller von Heftzwecken in Europa. Und es gibt nur einen weiteren Hersteller in der ganzen Welt, eine chinesische Firma. Gottschalk und seine Mannschaft produzieren täglich 12 Millionen dieser Kleinartikel, die unter 300 verschiedenen Markennamen weltweit verkauft werden.

  • Ludo Fact

    Ludo Fact ist ein reiner Produzent und stellt als solcher Spiele her, die von Verlagen konzipiert und vermarktet werden. In diesem Geschäft ist Ludo Fact die Nr. 1 in Europa. Die Firma ist von 34 Mitarbeitern in 1995 auf mehr als 600 heute gewachsen. Pro Tag verlassen 50 000 Gesellschaftsspiele die Produktionshallen, pro Jahr sind es 12 Millionen – mit stark wachsender Tendenz, im Laufe von 2012 wird die Tageskapazität auf 75 000 Spiele erhöht.

  • Gartner

    Es werden immer mehr Hochhäuser gebaut. Wer realisiert die Fassaden für solche gigantischen Wolkenkratzer? Im Zweifelsfalle die Firma Josef Gartner aus Gundelfingen im Schwäbischen, denn Gartner ist für solche Jobs die unbestrittene Nr. 1 in der Welt. Gartner testet die Fassadenelemente mit einem Düsentriebwerk auf Sturmfestigkeit. Da dürfte es nicht überraschen, dass auch das höchste Gebäude der Welt, das »Burj Chalifa« in Dubai, genauso wie der vorherige Rekordhalter, das »Taipei 101« in Taiwan (101 steht für die Zahl der Stockwerke), mit Fassaden von Gartner ausgerüstet sind.

  • Baader

    In Island heißt ein qualifizierter Mechaniker »Baader-Man«. Dies liegt daran, dass er im Zweifelsfalle an Baader-Systemen ausgebildet wurde. Auch in Wladiwostok hat man keine Probleme, Produkte und Services von Baader zu bekommen. Baader ist der mit Abstand führende Anbieter von Fischverarbeitungsanlagen und hat einen Weltmarktanteil von 80 %.

  • Arnold & Richter, Sachtler

    Ein Bekannter, der mit dem Hidden-Champions-Konzept vertraut war, begleitete mich durch Tokio. Wir trafen auf ein professionelles Filmteam. Spontan sagte ich zu meinem Begleiter: »Ich zeige Ihnen jetzt einmal zwei deutsche Hidden-Champions-Produkte in Aktion – mitten in Tokio.« Ohne zu zögern ging ich auf den Kameramann zu, natürlich hatte er eine ARRI-Kamera und ein Sachtler-Stativ, er war eben ein Profi. Beide Firmen sind Weltmarktführer und für ihre Produkte mit zahlreichen Oscars ausgezeichnet worden.

Dass  die breite Öffentlichkeit nur wenige von kennt – am ehesten sind Namen wie Trumpf, Stihl, Kärcher oder Claas bekannt – hat einen guten Grund: Die meisten Hidden Champions schätzen Verschwiegenheit sehr hoch ein. Simon zitiert den Chef eines „überragenden Weltmarktführers“ mit den Worten: „Jede unerwünschte öffentliche Nennung unseres Unternehmens konterkariert unser Streben, unbekannt zu bleiben.“ So könne man in Ruhe arbeiten und die Erfolgsstrategien sowie die Marktnische geheim halten. Allerdings macht der Erfolg und die Internationalisierung das Bestreben schwieriger, so dass es inzwischen durchaus einen Trend zur Öffnung gibt.

  • 19.09.2012, 14:44 UhrOlafGlaubitz

    Ich war selbst 8 Jahre bei einem Hidden Champion in Hamburg tätig, die Helm AG ist mit über 460 Mio. Euro Eigenmitteln, ein unbekannter Weltmarktführer im Handel von Chemiekalien. Es ist absolut erstaunlich, dass die Arbeitsweisen der Hidden Champions, die Prof. Simon in seinem Buch aufführt, tatsächlich bei meinem Hidden Champion gelebt werden. Erfolg ist kein Zufall! Ich möchte Sie in diesem Zusammenhang gerne auf meinen neuen Blog zu diesem Thema aufmerksam machen. Sie finden ihn unter www.hidden-champions-academy.de

  • 16.08.2012, 15:21 UhrHardie67

    @Rechner

    Für diesen Beitrag gibt es volle Punktzahl. Danke !
    Jetzt wäre es interessant, hätte das HB auf Ihre Fragen eine Antwort. Ich fürchte aber, die bleibt aus ;-))

  • 16.08.2012, 14:04 UhrRechner

    'popper' sagt
    -----------------
    Muss man solche alten Hüte bemühen, um den Neoliberalismus zu hofieren, wobei noch hinzukommt, dass die Studien sehr umstritten sind und als nicht wissenschaftlich fundiert gelten.
    -----------------

    Studien sind immer umstritten, da die Volkswirtschaftslehre keine exakte Wissenschaft ist.

    Können Sie auch 'was inhaltliches beitragen?

    Läuft's in Ländern die sich gemäß Ihrer wirtschaftspolitischen Philosphie mit "Nachfrageankurbelung" durch Staatsverschuldung und Inflation beschäftigen anstatt mit Realwirtschaft besser?

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