Maßschuhmacher begrüßt die Abschaffung der Meisterpflicht
Mit Lust und Liebe für das Schuhwerk

Nur ein Meister fertigt Qualität? Das sieht Maßschumacher Benjamin Klemann anders und erwartet von der Abschaffung des Meisterzwangs Vorteile für sein Gewerbe. "Konkurrenz belebt den Markt", sagt er.

BASTHORST. Er ist einer der letzten seiner Zunft. Benjamin Klemann ist Maßschuhmacher. Dreieinhalb Paar Schuhe fertigt er jede Woche - auf Bestellung und nach den Wünschen der Kunden. Reparaturaufträge, das Hauptgeschäft der 4 500 deutschen Meisterbetriebe, nimmt er so gut wie gar nicht an; es sei denn, es betrifft „Klemann"-Schuhe. Doch die Werkstatt des Schusters liegt ohnehin fernab jeder Laufkundschaft: Das rote Backsteinhaus gehört zum Gut Basthorst, etwa 50 km östlich von Hamburg.

Glaubt man den Vertretern der Schuhindustrie, ist die Maßanfertigung ein Relikt aus alten Zeiten. „In Deutschland werden jährlich gut 300 Millionen Paar Schuhe verkauft“, sagt Horst Heid vom Hauptverband der Deutschen Schuhindustrie. Dagegen seien ein Paar Hundert Maßschuhe nur eine winzige Marktnische. Etwa ein Dutzend Maßschuhmacher gibt es nach Branchenschätzungen noch in Deutschland, doch keiner fertigt so viele Schuhe an wie Klemann. „Als alleiniges Standbein reicht die Nachfrage nicht“, sagt der Innungsmeister Helmut Farnschleder. Er hat zusammen mit anderen Maßschuhmachern die Plattform www.massschuh.de ins Leben gerufen.

Klemanns Werkstatt kann als Einzige von der Maßschuhmacherei leben. Zusammen mit vier Mitarbeitern fertigt er jährlich 170 Paar Maßschuhe an. Der Großteil sind Herrenschuhe, sei es im „Full-Brogue-Oxford“-Stil – dem Business-Schuh mit dem typischen Lochmuster - oder im Budapester Look. Voriges Jahr hat Klemann einen Umsatz von rund 200 000 Euro gemacht. Für 2003 erwartet er eine ähnliche Zahl, bei positivem Ergebnis. Trotz der Wirtschaftskrise geben seine Kunden zwischen 1 350 und 2 500 Euro pro Paar aus.

Seit 1990 hat der 43-Jährige seine Werkstatt in Basthorst. Damals hätten ihn viele seiner Innungskollegen am liebsten vergrault: „Den Meister-Betrieben aus der Umgebung war es nicht recht, dass ich mich hier ohne Meisterbrief niederließ“, sagt er. „Dabei sind die meisten Schuster in der Umgebung Reparaturbetriebe, so dass die Maßanfertigung überhaupt keine Konkurrenz bedeutet.“ Nur weil Klemann zuvor schon fünf Jahre als selbstständiger Schuhmacher in England gearbeitet hatte, war er laut europäischer Handwerksordnung mit einem Meister gleichzusetzen.

Klemanns Erfahrungen mit der Zunft erinnern ihn an die aktuelle Situation im Handwerk: Das Bundeswirtschaftsministerium will den Meisterbrief für Berufe wie Schuhmacher, Friseure oder Maler abschaffen, damit sich auch Gesellen selbstständig machen können. Dagegen laufen die Handwerksinnungen Sturm: Die Abschaffung des Meisterbriefs werde sich nicht arbeitsmarktpolitisch und schon gar nicht ausbildungsfördernd auswirken, betont der Bundesinnungsverband des Deutschen Schuhmacherhandwerks. „Es wird ganz im Gegenteil zur Vernichtung meisterlicher Existenzen und weniger Ausbildungsplätzen führen“, heißt es in einem offenen Brief an die Bundesregierung.

Klemann sieht sich allerdings als bestes Beispiel dafür, dass man auch ohne Meisterbrief Arbeitsplätze schaffen kann. Seit er vor 13 Jahren aus England zurückgekommen ist, hat er stets einen Gesellen gehabt und sieben Schuhmacher ausgebildet. Zurzeit beschäftigt er einen Lehrling aus Japan, der zuvor Schuhdesign in London studiert hat. Sein ältester Sohn steht kurz vor der Gesellenprüfung. „Ich bin sehr dafür, dass Leute dieses Gewerk ausüben, die es mit Lust und Liebe machen", sagt er. Auch ohne Meisterbrief. In Großbritannien gebe es beispielsweise viele Maßschuhmacher, die ihren Beruf meisterhaft ausüben und dennoch keinen Meisterbrief in der Tasche haben. Er selbst war Lehrling bei dem ungarischen Schuhmacher Julius Harai in Neumünster und hat Mitte der 80er-Jahre als selbstständiger Schuhmacher in Norfolk gearbeitet - unter anderem für John Lobb, einen der bekanntesten englischen Schuhmacher und Hoflieferanten. „Das ist doch das Tolle an dem Beruf: Man kann sich quasi aus dem Schlafzimmer heraus selbstständig machen“, sagt er. Sein erstes Werkzeug habe er vom Sperrmüll zusammengesammelt.

Doch genau das wollen viele Meisterkollegen nicht. „Wenn es keine Meisterprüfung mehr gibt, hat der Kunde keinen Nachweis über die Qualifizierung eines Handwerkers“, sagt Farnschleder. Er befürchtet, dass junge Gesellen gleich im Anschluss ihrer Ausbildung eine Werkstatt eröffnen und das Qualitätsniveau mangels Erfahrung nicht halten können. Klemann stört das nicht, im Gegenteil: „Konkurrenz belebt den Markt“, sagt er. Der Nachwuchs sorge dafür, dass das Produkt ‚Maßschuh' wieder bekannt werde.

Trotz der verschiedenen Ansichten hat die Zunft inzwischen ihren Frieden mit der Klemann’schen Werkstatt geschlossen. Denn es gibt einen Meister in dem Betrieb: Klemanns Frau Margrit, die schon in England mit in der Schuhmacherei arbeitete, hat vor einigen Jahren ihre Meisterprüfung abgelegt.

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