Matthias Willenbacher Der überzeugte Ökopionier und Weltverbesserer

Sein erstes Solarmodul montierte Matthias Willenbacher auf dem eigenen Hausdach. Heute betreibt seine Firma Juwi rund 300 Windräder, 800 Solaranlagen, mehrere Biogaswerke eine Holzpelletsfabrik - und will nun Deutschlands größte Photovoltaik-Anlage bauen.
  • Carmen Salvenmoser
Juwi-Geschäftsführer Willenbacher und sein Geschäftspartner Fred Jung vor der Firmenzentrale. Quelle: Pressefoto juwi

Juwi-Geschäftsführer Willenbacher und sein Geschäftspartner Fred Jung vor der Firmenzentrale.

KÖLN. Als Matthias Willenbacher sein erstes Windrad montierte, war das keine Dekoration für den heimischen Garten. Der damals 26-Jährige baute seine eigene kleine Windkraftanlage auf einem Acker neben dem elterlichen Bauernhof und produzierte mit nur einem Windrad genug Strom, um das heimische 70-Seelen-Dorf und die 600 Einwohner des Nachbarorts zu versorgen. Heute, 13 Jahre später, betreibt Willenbacher mit seinem Unternehmen Juwi über 300 solcher Anlagen. Dazu kommen mehr als 800 Solaranlagen, mehrere Biogaswerke und eine Holzpelletsfabrik.

Unternehmer wollte der gebürtige Rockenhausener aber eigentlich nie werden. Viel lieber hätte er seine Arbeitszeit als Mathe- und Sportlehrer verbracht: "Da muss man nicht so viel arbeiten", sagt der Juwi-Gründer schmunzelnd. Allein der Zufall habe ihn zum Geschäftsmann gemacht: Als sich der leidenschaftliche Fußballspieler 1996 beim Sport ein Kreuzband riss und ans Krankenhausbett gefesselt war, stieß er auf einen Zeitungsbericht über geplante Windkraftanlagen in der Eifel - und war begeistert: "Wie viel Energie man schon mit einem einzigen Windrad erzeugen kann, hat mich fasziniert", sagt der heute 39-Jährige.

Noch im Krankenhaus fasste Willenbacher den Beschluss, ein eigenes Windrad zu montieren. Doch nicht nur sein Vater war gegen das eine Million Mark teure Projekt. Auch Freunde schüttelten den Kopf: "Die haben mich gefragt, welche Tabletten ich bekommen habe", erzählt der Juwi-Chef. Trotzdem ließ er nicht locker, versicherte sich bei den Ingenieuren in der Eifel, dass sein Standort auf dem heimischen Donnersberg windig genug ist und trieb innerhalb von drei Wochen acht finanzkräftige Unterstützer für sein Projekt auf. Beim Sammeln von Wetterdaten stieß Willenbacher auf seinen heutigen Mitstreiter und Geschäftspartner Fred Jung: " Auch er hatte damals die Idee, ein Windrad zu bauen und hatte bereits Wetterdaten über einen langen Zeitraum gesammelt."

Im selben Jahr gründeten beide die Juwi GmbH mit Sitz in Wörrstadt, die sich in wenigen Jahren vom Zwei-Mann-Betrieb zu einem der führenden Projektentwickler von Wind-, Solar- und Bioenergieanlagen entwickelt hat und inzwischen als Juwi Holding AG firmiert. Das Unternehmen selbst produziert keine Bauteile: "Wir finden passende Standorte, planen und finanzieren Energieanlagen und betreiben sie", erklärt Willenbacher das Geschäftsmodell.

Von der Wirtschaftskrise spüren die Öko-Unternehmer bislang nichts: 400 Mio. Euro hat Juwi im Vorjahr umgesetzt, 650 Mio. Euro sollen es dieses Jahr werden. Spätestens 2011 wollen die Wörrstädter die Milliardenmarke knacken. Der Geschäftsbereich Solarenergie ist mittlerweile wichtigster Umsatzträger, Juwi betreibt derzeit 800 Photovoltaikanlagen, unter anderem im Solarpark Waldpolenz bei Leipzig: Auf einer Fläche von 100 Hektar - etwa 200 Fußballfeldern - steht die bislang größte Sonnenenergie-Anlage Deutschlands. Bislang, denn ein neues Mega-Projekt ist schon in Bau: Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lieberose nördlich von Cottbus entsteht das zweitgrößte Sonnenkraftwerk der Welt. Zusammen mit Solarmodul-Hersteller First Solar bestückt Juwi die 162 Hektar große Fläche mit 700 000 Dünnschichtmodulen. 53 Mio. Kilowatt Strom soll der Park jährlich erzeugen. Das reicht, um 15 000 Haushalte zu versorgen.

Doch nicht nur bei Solaranlagen bricht das Wörrstädter Unternehmen Rekorde. Auch der Firmensitz platzt bald aus allen Nähten: Mehr als 550 Mitarbeiter beschäftigen die beiden Gründer mittlerweile, jeden Monat kommen 20 neue Leute hinzu: "Wir wachsen sehr schnell", freut sich Willenbacher. Deshalb wird das erst im Sommer 2008 bezogene Firmengebäude schon wieder erweitert. Der Bau ist nach eigenen Angaben der energieeffizienteste Bürokomplex der Welt: Photovoltaik-Anlagen am und um das nach ökologischer Holzbauweise gefertigte Gebäude produzieren mehr Strom, als die Firma im Jahr verbraucht. Selbst der Parkplatz ist mit Solarmodulen überdacht. Die Energiekosten betragen nur zwei Euro pro Quadratmeter jährlich, ein Zehntel eines heutigen Standard-Einfamilienhauses. Dafür gab es 2008 den Deutschen Klimaschutzpreis. "Wir brauchen Unternehmen wie Juwi, die sich auch im ökonomischen Erfolg an ihre ökologischen Wurzeln erinnern", sagte Rainer Baake, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.

Die umweltfreundliche Firmenphilosophie versucht Willenbacher auch neuen Mitarbeitern einzubläuen. Die verbringen in den ersten sechs Monaten die Hälfte ihrer Arbeitszeit in der Juwi-Akademie und werden dort in die Geheimnisse regenerativer Kraftwerke eingeweiht. 10 000 Euro lässt sich Juwi das Einschulen jedes neuen Kollegen kosten. Und auch sonst kümmert sich der Öko-Unternehmer gut um seine Gefolgschaft: Auf dem Fußballplatz und auf dem Beachvolleyballfeld der Firma sind Matches mit dem Chef keine Seltenheit. Vom Schreibtisch aus blicken die Mitarbeiter auf den angelegten Weiher samt Steg, und der Familiennachwuchs ist bei der firmeneigenen Kinderbetreuerin untergebracht.

Privat lässt der Juwi-Vorstand auch nicht von seiner Überzeugung ab und spart Energie, wo immer er kann. Der Diplom-Physiker fährt etwa den ersten in Europa zugelassenen Tesla-Sportwagen mit Elektro-Antrieb. Willenbacher ist Idealist und setzt aus Überzeugung auf erneuerbare Energien: "Ich wollte mit meinem Unternehmen nie das große Geld machen." Bei seinem ersten Windrad-Bau auf dem Acker der Eltern ging es ihm darum, ein Zeichen für die Energiewende zu setzen. Heute treibt ihn vor allem eine Vision an: "100 Prozent", so steht es auf seinem orange lackierten Tesla und in großen Lettern auf der knallorangen Krawatte. Ab 2017 soll die Verbandsgemeinde Wörrstadt und ab 2020 der Kreis Alzey-Worms ausschließlich mit erneuerbarer Energie versorgt werden: "Ich glaube, wir schaffen es sogar früher", sagt Willenbacher selbstbewusst zum Vorzeigeprojekt, das allen Zweiflern die Umsetzbarkeit seiner 100-Prozent-Vision beweisen soll: "Sie ist wirtschaftlich und technisch bereits möglich."

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