Mehr Insolvenzen
Deutschlands Firmen geht die Puste aus

Der drohende Zerfall der Euro-Zone ließ bislang viele deutsche Unternehmen kalt. Doch Pleiten wie die von Schlecker sind kein Einzelfall mehr: Die Zahl der Insolvenzen steigt. Der Schaden ist immens.
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DüsseldorfDie Türen verrammelt, die Schaufenster leer, das Licht ist aus – die Filialen der insolventen Drogeriekette Schlecker sind nun geschlossen. Der Großteil der rund 25.000 Schlecker-Angestellten ist arbeitslos. Die Pleite der Drogeriekette ist die bislang größte Firmenpleite Deutschlands in diesem Jahr. Auch den Arbeitern der einst gefeierten Solar- und Windenergiebranche stehen düstere Zeiten bevor: Unternehmen wie Q-Cells, Solarhybrid oder Siag Schaaf Industrie reichten Insolvenzantrag ein. Zuletzt ging auch noch dem Autozulieferer Druckguss Heidenau das Geld aus.

Erfasst die Eurokrise nun auch deutsche Wirtschaft? Bislang schienen die schlechten Vorzeichen an der robusten Konjunktur hierzulande abzuperlen. Doch die Zeichen trüben sich ein: Die Zahl der Firmenpleiten ist im ersten Halbjahr gestiegen.

In den ersten sechs Monaten rutschten 15.200 Unternehmen in die Insolvenz. Dies gab die Bonitätsauskunftei Creditreform heute bekannt. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres notierte die auf mittelständische Unternehmen spezialisierte Gesellschaft lediglich 15.090 Firmenpleiten. "Es geht ein Gespenst um in Europa - das Gespenst der Pleite", warnte Michael Bretz, Experte der Wirtschaftsauskunft Creditreform.

Der Anstieg von 0,7 Prozent erscheint auf den ersten Blick zwar moderat. Doch der volkswirtschaftliche Schaden, der durch Unternehmensinsolvenzen entstanden ist, hat im Vergleich zum Vorjahr markant zugenommen. So türmte sich im ersten Halbjahr 2012 ein finanzieller Schaden von 16,2 Mrd. Euro auf. In den ersten beiden Quartalen des Vorjahres waren es lediglich 10,4 Mrd. Euro. "Dabei spielten nicht zuletzt die Großinsolvenz von Schlecker und die in Schieflage geratene Solarindustrie eine tragende Rolle", heißt es von der Creditreform.

Zu Jahresbeginn war die Creditreform noch von einer gleichbleibend ruhigen bis leicht zunehmenden Insolvenzentwicklung ausgegangen. Die Unsicherheiten durch die Konjunktur, die stockende Kreditvergabe durch die striktere Bankenregulierung und das verabschiedete Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen werde kompensiert durch die gute Finanzverfassung der Unternehmen, hieß es damals. Das neue Insolvenzrecht soll Unternehmen unter anderem durch einen verstärkten Schutz vor Vollstreckungsmaßnahmen in schwierigen wirtschaftlichen Situationen helfen, einen Insolvenzantrag zu vermeiden.


Doch die Realität sieht nun anders aus. Und die gestiegene Zahl an Insolvenzen und der wachsende volkswirtschaftliche Schaden hat folgen für den Arbeitsmarkt. Durch die Insolvenz ihres Arbeitgebers mussten in den ersten sechs Monaten des Jahres rund 150.000 Beschäftigte um ihre Stelle fürchten. Im Vorjahreszeitraum waren nur 110.000 Arbeitsplätze bedroht. Dies entspricht einem Anstieg von 36,6 Prozent.

"Vor allem die Händler hatten ein schwieriges erstes Halbjahr", berichtet die Creditreform. Hier stieg die Zahl der Insolvenzen um 7,9 Prozent auf 3140 Fälle. Neben Schlecker gerieten offenbar auch viele andere in der Branche in Schieflage.

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  • "Was die selbst verschuldete Schleckerpleite jetzt mit dem Euro zu tun hat?"

    Na ja, ein wenig schon? Warum musste es hier derartige Billigläden überhaupt geben? Wegen der oft genannten, typisch deutschen Geiz-ist-geil Mentalität der deutschen Verbraucher? Oder, lag das evtl. bereits am kränkelnden Binnenmarkt? Weil man den Arbeitnehmern im Lande nicht genug von seinen Löhnen übrig ließ? Damit hier erst gar keine Läden entstehen müssen, die so trostlos aussehen wie die in der Ex-DDR? Und das in einem so reichen Land?

    Warum wurden denn immer mehr Konsumenten im Lande zu Schlecker, Aldi, Lidl, IKEA usw. getrieben? Warum kann sich der Einheimische selbst deutsche Waren kaum noch leisten? Und, was bedeutet "made in Germany" eigentlich wirklich noch, in Bezug auf Arbeitsplätze?

    Denkt Ihr nicht, dass sich die Leute nicht gerne lieber solide, qualitativ höherwertige, langlebigere Waren kaufen würden? Wenn sie sich die noch von ihrer Hände (und Hirne) Arbeit leisten könnten? Denn, den schnell das zeitlich segnende Billigschrott kann man sich bei ehrlicher Kalkulation nun längerfristig als Endverbraucher auch nicht wirklich leisten.

    Selbst der so erzwungene "Geiz" beim Lebensmittel-Einkauf zahlt sich ja vermutlich irgendwann aus - zu Lasten der eigenen Gesundheit. Wer hätte denn nicht gern Bio, so er es denn bezahlen könnte? Solide Möbel, die auch Umzüge schadlos überstehen? Und, ist 5 x zusammengebrochenes, zu ersetzendes IKEA-Regal denn wirklich kostengünstiger als 1 x solide Ware?

    Nachhaltigere Waren - für uns noch bezahlbar, oder nur noch möglich auf Pump? WARUM?

  • @ HotSix,

    Nicht nur der Profit einiger Banken. Auch für den Profit manisch export-fixierter Global Player. Großkonzerne, die tunlichst ihren Steuerbeitrag zum Erhalt unserer Infrastruktur durch off-shore-Besteuerung rege vermeiden. Während man noch unbezahlte Exportgewinne hübsch als Erfolg verbuchen konnte. Schließlich hingen daran (nur an der Buchung, nicht am Geldeingang der Abnehmer, s. Target2) CEO-Gehälter, Boni, Dividenden.

    Nun, wo deren Kunden nicht wirklich bezahlen können (nicht nur in Europa, auch in den Staaten + UK), sollten diese Export-Geschäftsmodelle aber flugs und gründlichst hinterfragt werden. Denn, auf diesen Forderungsausfällen sitzen nun die Banken, haben dieselben ja, - incl. Risiko, - äußerst großzügig aufgekauft.

    Und DAS soll nun der Steuerzahler, Verbraucher, für seinen Lebensunterhalt arbeitende Mensch, retten? Geht's noch? Verlorene Forderungen hat gefälligst der zu gläubige Gläubiger abzuschreiben (dafür Risikoverzinsung)- jedenfalls in einer Marktwirtschaft.

    Der produktive Teil der Bevölkerung bezahlt den Exportwahn damit mehrfach: bereits Abwertung seines Geldes mit Einführung des Euro, Reallohnverluste seit 10 Jahren, immer mehr Steuererhöhungen auf Arbeit (und Konsum = zu Lasten heimischer Binnenmarkt), dadurch angeschlagene "Sozialversicherungen", die auch noch für Fremdleistungen geplündert wurden ... und nun auch noch die Rettung der, - durch diese ach so tollen Exporte überverschuldeten Länder?

    Das "Geschäftsmodell Export" angeblich deutscher (Steuerort, Eigner, Arbeitsplätze - wo?) Konzerne, oft genug nicht in Deutschland hergesteller Waren zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung plus des Binnenmarktes bei uns muss auf den Prüfstand!

  • Was die selbst verschuldete Schleckerpleite jetzt mit dem Euro zu tun hat? Wüßte ich auch gerne, die wären auch mit Bonbons pleite gegangen. Was die Probleme der staatlich verregulieren Solarbranche mit dem Euro zu tun hat? Keine Ahnung, auch wenn die Subis aus Bonbons bestehen würden, würden sie den Strom unnützerweise verteuern, und damit bestimmten Gruppen das Leben versüßen, aber sicher nicht dem Bürger selbst.
    Also hausgemachte eigene Probleme, wie in anderen Ländern auch. So gut Merkel für deutschen Spareinlagen kämpft, so schlecht machen ihre Kanzler/Mitarbeiter ihren Job. Denn die meisten Menschen haben kaum Spareinlagen aufbauen können. Sie haben nur ihre Arbeitskraft, wie überall in Europa.

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