Mentalitäts-Unterschiede
Villeroy & Boch und die türkischen Retter

Die Türken kommen – rette sich wer kann? Das sehen die Merziger anders: Ohne die Hilfe vom Bosporus sähe es für das Traditionsunternehmen Villeroy & Boch Fliesen finster aus. Dank des türkischen Einstiegs geht es nun für den Konzern aufwärts.
  • 0

MERZIG. Volle Lager und leere Kassen: Für jeden Villeroy & Boch-Mitarbeiter war sichtbar, dass es dem einstigen Weltführer für Fliesen denkbar schlecht ging. Die Konzernsparte schrieb zweistellige Millionenverluste. Wie bisher konnte es nicht weiter gehen. Das war klar. Doch was dann kam, war zunächst ein Schock: Der türkische Lifestylekonzern Eczacibasi stieg mit 51 Prozent bei den Saarländern ein. Seitdem ticken die Uhren in Merzig anders. Heute schreibt der Konzern schwarze Zahlen.

Mit den Türken kam Eckard Kern. Er wurde neuer Geschäftsführer und sein Name verrät: Einen Kulturwechsel gab es nicht im Unternehmen, Kern ist Deutscher. Dennoch fürchteten viele Mitarbeiter bei Kerns Antritt im Jahr 2008 die Schließung des Merziger Werks und eine vollständige Ausgliederung der Sparte in die Türkei. Doch es kam anders. Kern nahm 19 Mio. Euro in die Hand und investierte davon sieben Millionen Euro in die Produktion.

Villeroy & Boch Fliesen war nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Der Hersteller produzierte wenig und teuer, musste die Ware billig losschlagen, wechselte abgenutzte Maschinen nicht aus, investierte nicht mehr in neue Technologien und vernachlässigte Innovationen. Das packte Kern als erstes an. Er kauft beispielsweise eine neue Presse und eine neue Glasuranlage. Der Löwenanteil, zwölf Mio. Euro, floss allerdings in den Vertrieb, denn auch hier herrschte großer Nachholbedarf

Doch Kern nahm nicht nur Geld in die Hand, er krempelte den Konzern um. Er baute die Bestände deutlich ab, das Lager schrumpfte von 6 auf 3,5 Mio. Quadratmeter Fliesen und spezialisierte die Produktion in Merzig auf die renditeträchtigen Feinsteinzeugfliesen, Standardprodukte werden nur noch in der Türkei gefertigt.

Doch wofür brauchten die Merziger die Türken? Durch den Zusammenschluss mit dem Lifestylekonzern Eczacibasi, der bisher auf den türkischen Märkten deutsche Verkaufsschlager wie Nivea, Erdal oder Vicks Hustenbonbons vertreibt, konnten Villeroy & Boch das Angebot hochfahren und kostengünstiger produzieren. Viel wichtiger aber war das Gefühl von Neuanfang. Starre Strukturen lösten sich, die Trägheit des jahrhundertealten Konzerns verschwand. Villeroy & Boch Fliesen sei ein Traditionsunternehmen. Aber das sei auch das größte Problem gewesen, gab ein langjähriger Mitarbeiter zu.

Dabei begann die Geschichte wie ein Märchen: Im achtzehnten Jahrhundert eröffnet im saarländischen Merzig eine Töpferei. Nur wenige Jahrzehnte später presst der Familienbetrieb seine erste Fliese. 200 Jahre soll es dauern, dann sind die Saarländer der größte Fliesenhersteller der Welt. Soweit so gut. Doch wenig später beginnt das Geschäft, das Villeroy & Boch zu Weltruhm verholfen hat, zu stottern. Die Kunden wünschen lieber weiche Teppiche statt kalter Fliesen oder wählen das kostengünstige Laminat, das sie ohne professionelle Hilfe selbst verlegen können.

Seite 1:

Villeroy & Boch und die türkischen Retter

Seite 2:

Kommentare zu " Mentalitäts-Unterschiede: Villeroy & Boch und die türkischen Retter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%