Microsoft und der Mittelstand
Die Software-Evangelisten

Für manchen deutschen Startup-Gründer ist Microsoft nicht das Reich des Bösen - sondern der Hoffnung. Und so hofft er darauf, vom Softwarekonzern aus Redmond geschluckt zu werden.

REDMOND. Wie nervöse Kolibris flitzen Berti Cung Tausend-Dollar-Scheine durch die Finger. 1000, 5000, 1 Million. Cung hockt in einem Konferenzzimmer ihres Arbeitgebers Microsoft in Mountain View im Silicon Valley. Die junge Frau mit dem schwarzen Pferdeschwanz ist Mitglied vom „Emerging Business Team“, dem EBT. Das sondiert für den Softwareriesen Tausende von Start-ups in der ganzen Welt. Vielversprechend? Innovativ? Profitabel? Konkurrenz? Aufkaufen?

Microsoft fördert junge Firmen nur selten mit Geld. Der Konzern vermittelt stattdessen Know-how, Risikokapitalgeber oder einfach gute Verbindungen. So webt Microsoft am weltumspannenden Softwarenetz. Start-ups in 161 Ländern werden gefördert, 200 von ihnen dürfen pro Jahr in der Konzernzentrale in Redmond antreten. 100 von ihnen werden unterstützt, ein paar gekauft. Microsoft nennt das unbescheiden „Evangelisieren“.

„Unsere Software soll einmal alle verbinden“, schwelgt Microsoft-Vizepräsident Dan'l Lewin über das große Ziel. Der in feines Tuch gekleidete Mittfünfziger, der sein Alter so geheim hält wie die Quellcodes der neuesten MS-Software, arbeitete einst für Apple und andere tonangebende IT-Firmen. Nun glaubt er, dass irgendwann ein einziges gigantisches Betriebs- und Softwaresystem die Welt umspannen wird. Das soll am besten von Microsoft kommen. Klingt nach Kreuzzug und Missionierung, Bekehrung der Völker mit der Software-Bibel von Microsoft. Und so ist es auch. Im globalen Softwaredorf sind die von Microsoft betreuten Start-ups so etwas wie strebsame, hoffnungsfrohe Zöglinge, deren Kreativität der Gigant aufsaugt.

Konzentriert stapelt Berti Cung säuberlich die Tausend-Dollar-Scheine und packt sie zurück in die „Monopoly“- Schachtel. Das virtuelle Geld diente nur als Spielmaterial, um das prekäre Verhältnis zwischen Start-ups, Risikokapitalgebern und Investoren haptisch zu demonstrieren. Der Traum der Jungunternehmer, Millionen zu scheffeln, steht am Anfang – doch eine Rolle im realglobalen Software-Monopoly erst ganz am Ende. Das Trainingsgeld ist noch nicht ganz im Kasten, da schleicht sich auf leisen Sohlen das echte Leben in Gestalt von vier jungen deutschen Start-up-Lenkern herein. Microsofts EBT-Mitarbeiter in Deutschland haben sie ausgeguckt. Also sind Jan Andresen (Weblin), Alexander Brandt (Mediber), Emanuel Züger (Vioso) sowie Alexander Schmidt (Visumotion) mit ihren Ideen im Laptop ins gelobte Software-Land gepilgert. Ziel: Im Gral von Microsoft nach IT-Erleuchtung zu suchen, in den MS-Orden aufgenommen zu werden oder gar von der Nimmersatt-Corporation geschluckt zu werden. Und der Haifisch Microsoft, der hat Zähne. Doch mag er noch so viele haben, von ihm gefressen zu werden tut anscheinend gut. Zumindest sagen sie das alle.

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