Mitarbeiter-Beteiligung
Das Ende eines volkseigenen Betriebes

In der Krise gilt die Mitarbeiter- und Gewinnbeteiligung an Unternehmen plötzlich als Heilmittel. Ein Unternehmen in Chemnitz war damit jahrelang erfolgreich, jetzt geben die Beschäftigten auf – und verkaufen ihre letzten Anteile an einen Finanzinvestor.

CHEMNITZ. Er hat es gerade noch gerettet. Ein großes, von einer dünnen Staubschicht bedecktes Foto, das eigentlich auf dem Müll landen sollte.

„Das hätte ich als Sünde empfunden“, sagt Freimut Aurich.

Das Foto zeigt fast 100 Männer und einige Frauen. Sie haben sich in acht Reihen ganz dicht nebeneinander aufgestellt. Viele tragen einen ölverschmierten Blaumann und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Sie stehen vor ihrer Firma: einem grauen Gebäude, auf dem in blauen Buchstaben der Name „Union Werkzeugmaschinen GmbH Chemnitz“ prangt.

„Es gab keinen Platz mehr für das Bild, nachdem der Raum, in dem es hing, renoviert worden war“, sagt Aurich, Betriebsratschef der Union. Jetzt steht das Foto in seinem vollgestopften Büro – auf einem halbhohen Schrank. Die Aufnahme ist fast 13 Jahre alt. Sie erinnert an einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte des 1852 gegründeten Unternehmens. 1996 war die Union insolvent. Aus den Resten gründete die Belegschaft ein neues, lebensfähiges Unternehmen, eine Mitarbeitergesellschaft. Sechs Jahre nach dem Ende der DDR entstand hier ein echter volkseigener Betrieb. Das alte Bild zeigt die stolzen Eigentümer.

Das Foto hat Aurich gerettet, die große Idee, die dem Werkzeugmaschinenhersteller über Jahre seine Identität gegeben hat, die hat er nicht retten können.

Vergangene Woche haben sich die Miteigentümer-Beschäftigten getroffen und das Ende der Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft beschlossen. Sie werden ein Angebot des niederländischen Finanzinvestors Nimbus annehmen, der seit drei Jahren die Mehrheit an dem Unternehmen hält, und ihre restlichen Anteile verkaufen. Der Beirat des Werkzeugmaschinenbauers, in dem Nimbus und die Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft paritätisch vertreten sind, will dies morgen voraussichtlich besiegeln.

Auch Aurich wird seinen Anteil verkaufen. „Es gibt Notwendigkeiten, in die man sich fügen muss“, sagt der 56-Jährige. „Es gibt Dinge, die man einfach nicht mehr ändern kann.“

Deutschland im Spätsommer 2009. Parteien, Gewerkschaften und Unternehmer diskutieren über Mitarbeiter- und Gewinnbeteiligung, über Volkskapitalismus und eine neue soziale Wirtschaftsordnung – um das Eigenkapital zu stärken, um besser durch die Finanzkrise zu kommen. Bundespräsident Horst Köhler macht sich für die Idee stark und IG-Metall-Chef Berthold Huber. Bei Opel übernehmen die Mitarbeiter zehn Prozent des Unternehmens – was viele als Zukunftsmodell sehen.

Es ist eine Ironie der Gegenwart, dass zeitgleich in Chemnitz die Union-Beschäftigten eine bislang erfolgreiche Mitarbeiterbeteiligung abwickeln.

Wie es dazu kommen konnte, ist ein Lehrstück über die Stärken und die Schwächen des Konzepts, über die Macht von Beschäftigten, wenn sie sich einig sind, und ihre Ohnmacht, wenn sie es nicht mehr sind. Jeder, der in diesem Stück vorkommt, wird sagen: „Alles hat seine Zeit. Jetzt ist hier die Zeit der Mitarbeiterbeteiligung vorbei“, aber jeder meint etwas anderes.

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