Mittelständler in China
Geplanter Tod

Urheberrechtsverletzungen, kulturelle Unterschiede, häufig wechselnde Vorschriften: Für ausländische Unternehmen ist China der schwierigste Markt der Welt. Doch zu groß sind seine Verlockungen. Wie immer mehr deutsche Mittelständler in China Fuß fassen und sich durchsetzen.
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Als Henning Kuhlmann vor vier Jahren entschied, in China zu produzieren, traf er besondere Vorkehrungen. Per Geheimhaltungserklärung mussten sich die chinesischen Mitarbeiter zur absoluten Verschwiegenheit verpflichten: sowohl über das Unternehmen, den Hamburger Mittelständler Becker Marine Systems, als auch über dessen Produkte, spezielle Schiffsruder. Kein Wort über die Fertigungsabläufe sollte nach außen gelangen. Außerdem sorgte Geschäftsführer Kuhlmann dafür, dass Konstruktionszeichnungen für neue Modelle nur für kurze Zeit in den chinesischen Büros und Werkshallen verbleiben. Nach der Produktion eines neuen Modells lässt er die Pläne sofort wieder einsammeln.

Die Vorsicht macht sich bezahlt. Seit drei Jahren lässt Becker seine komplizierten Anlagen bei einem Kooperationspartner in Nanjing bei Shanghai fertigen. Plagiate chinesischer Konkurrenten sind bisher nicht aufgetaucht. „Man kann Ko- pien zwar nie 100-prozentig ausschließen", sagt Kuhlmann, „aber man kann sich schon bis zu einem gewissen Grad schützen."

Becker ist Marktführer in seinem Metier - und zählt zu den Weltmeistern aus Deutschland, die früh nach China gegangen sind. Eines von vielen Unternehmen, die dominant sind in ihren Branchen und sich nicht abschrecken lassen von den Urheberrechtsverletzungen, den kulturellen Unterschieden, häufig wechselnden Vorschriften und der hohen Personalfluktuation in China. Anders als Konzernen wie ThyssenKrupp oder Volkswagen fehlt ihnen auch oft der Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern, die über die Vergabe größerer Projekte noch immer bestimmen.

Doch zu groß sind die Verlockungen des riesigen Marktes mit seinen mehr als 1,3 Milliarden Menschen, seinen immer noch extrem niedrigen Löhnen und der boomenden Wirtschaft, die aus immer mehr Chinesen kaufkräftige Konsumenten macht. Nach neuesten Erhebungen lassen bereits mehr als 40 Prozent aller deutschen Mittelständler in China produzieren. Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen haben im Reich der Mitte eine eigene Vertriebsgesellschaft, mit der sie den chinesischen Markt bearbeiten, und es werden täglich mehr. Die German Centres in Peking und Shanghai, die Mittelständlern beim Start ihres Chinageschäfts unter anderem mit kostengünstigem Büroraum und fachlicher Beratung helfen, sind bis unters Dach ausgebucht.

Viele unserer mittelständischen Weltmarktführer haben solche Starthilfen nicht mehr nötig. Ob der Münchner Spezialist für Messtechnik und Kommunikationssysteme Rohde & Schwarz, der Düsseldorfer Anlagenbauer SMS Demag, der Schrauben- hersteller Würth aus dem württembergischen Künzelsau oder der Schiffsruderhersteller Becker: Sie gehörten nicht zu den Champions, wären sie nicht schon seit Jahrzehnten in China aktiv und hätten nicht einen reichen Erfahrungsschatz aufgebaut.

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