Mittelstand
DIHK erwartet Rekordtief bei Existenzgründungen

Der Aufschwung am Arbeitsmarkt beschert Deutschland eine Flaute bei Existenzgründungen. Das zeigt eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), die dem Handelsblatt vorliegt.
  • 4

BerlinIm Jahr 2012 werde voraussichtlich erstmals deutlich weniger als 400.000 Existenzgründungen geben und damit so wenige wie in keinem Jahr zuvor seit der Wiedervereinigung, heißt es in dem 20-seitigen „Gründungsreport 2012“, für den laut Verband die Daten und Erfahrungen der örtlichen IHK-Gründungsberater ausgewertet wurden. Bereits 2011 habe die Zahl der Gründungen deutlich abgenommen.

„Das Gründungsinteresse in Deutschland nähert sich einem Tiefstand“, sagte DIHK-Chef Hans Heinrich Driftmann dem Handelsblatt. Eine wichtige Ursache sei das deutlich gestiegene Angebot an offenen Stellen: „Vor allem wegen der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt wollen weniger Menschen ihr eigener Chef sein.“ Ein Aspekt in jedem Fall ermutigender Aspekt sei allerdings das steigende Interesse von Frauen an einer Unternehmensgründung: Ihr Anteil an den Gründungsinteressierten, die bei den Kammern vorsprechen, habe sich seit 2002 von 33 auf 41 Prozent erhöht.

Nach Daten des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) gab es im Jahr 2005 in Deutschland noch rund 500.000 Existenzgründungen. Für das vergangene Jahr geht das Institut in jüngsten Hochrechnungen von 400.000 aus. Für 2010 hatte es noch 418.000 Gründungen ermittelt. Laut DIHK-Report äußern aktuell 70 Prozent der IHK-Gründungsberater die Einschätzung, dass die Zahl der Gründungen 2012 weiter sinken wird. Lediglich fünf Prozent erwarteten einen Anstieg.

Für den insgesamt negativen Gründungstrend machte der DIHK-Chef neben der guten Arbeitsmarktlage auch Probleme bei der Finanzierung von Unternehmensgründungen und Bürokratiehemmnisse verantwortlich. „Wir müssen den privaten Markt für Beteiligungskapital beleben“, forderte Driftmann.

Beispielsweise müssten ausländische Investoren wegen Unsicherheiten im deutschen Steuerrecht eine Doppelbesteuerung befürchten. „Diese Rechtsunsicherheit hemmt Investitionen gerade in deutsche Hightech-Gründungen“, warnte der DIHK-Chef. Zudem sähen sich Gründer nach wie vor oft vom Staat genötigt, „von Pontius zu Pilatus“ zu laufen. „Um echte Unternehmensgründungen attraktiver zu machen, brauchen wir einen konsequenten Bürokratieabbau für Existenzgründer“, forderte er.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Mittelstand: DIHK erwartet Rekordtief bei Existenzgründungen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Unser Team berät seit einigen Jahren Existenzgründerinnen und -gründer. Das Vorurteil, dass diese den Existenzgründungszuschuss nur zur Verlängerung des Bezuges von Arbeitslosengeld nutzen, können wir aus unseren Erfahrungen in keinster Weise bestätigen. Im Gegenteil: Eine Existenzgründung ist mit enormen Einbußen - privat wie finanziell - verbunden und erfordert Mut, Engagement, Ideenreichtum und einer großen Portion Optimusmus. Der extreme Rückgang der Existenzgründungen in 2012 liegt nach unserer Erfahrung nicht etwa am Desinteresse Gründungswilliger, sondern an der stringenten Haltung der Arbeitsagenturen. In NRW werden mehr als 80 % der Anträge auf Gründungszuschuss zurückgewiesen; sogar GründerInnen mit geprüften, soliden Businessplänen werden abgelehnt. Die Begründungen der Agentur hierfür sind sehr schwammig: Heißt es bei dem einen Antrag, die Erträge für das erste Jahr würden zu gering gehalten und GründerIn könnten davon nicht leben, so werden ambitionierte GründerInnen abgelehnt mit der Begründung, die Erträge seien im ersten Jahr so gut, dass eine Förderung als unnötig angesehen werde. Die gute Arbeitsmarktsituation und wirtschaftliche positive Entwicklung stellt aus unserer Sicht ein Plus für alle GründerInnen dar, da die Verbraucher und auch Firmen über mehr finanzielle Mittel verfügen und auch investieren. Wer sich wirklich selbstständig machen möchte, hegt die Idee, eigentständig und weisungsungebunden zu agieren! Freiwillig würde kaum ein Selbstständiger wieder ein Angestelltenverhältnis suchen und damit seine Unabhängigkeit aufgeben. Daher spielt die positive Situation am Arbeitsmarkt derzeit eher kaume eine Rolle. Wenn die deutsche Wirtschaft weiterhin ein gesundes Wachstum seitens der Firmenentwicklung verbuchen möchte, sind innovative Geschäftsideen und vor allem deren Förderung gefragt. Die generelle Ablehnung - wie derzeit Gang und Gäbe - bewirkt das genaue Gegenteil!
    Lisa Henke, dbt das-berater-team

  • Wissen eigentlich diese Herren, warum der starke Rückgang ist? Wenn ich das so höre, glaube ich das nicht. Fakt ist,
    die vielen Existenzgründungen, angeblich von den Agenturen der Arbeit installiert, wurden nur durch die Zahlungen des Gründerzuschusses erreict. Seit Januar gelten vollkommen neue Richtlinen, wonach nut noch 20% des Vorjahresbudget den Agenturen zur Verfügung stehen.Eine sehr gute Maßnahme, denn es wird endlich das
    Steuergeldvernichten gestoppt.

  • Sehr guter Kommentar!!!! Danke Volker Schäfer für diese Richtigstellung, die hoffentlich von vielen Lesern hier auch beachtet wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%