Mittelstand
Wie Chinesen Arbeitsplätze in Deutschland sichern

Ein gängiges Vorurteil: Chinesen schnappen sich deutsche Unternehmen und saugen Ingenieurswissen und Mitarbeiter ab. Doch die Realität sieht durchaus anders aus. Wer sich über die Käufer aus Fernost freut.
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DüsseldorfWenn Ulrich-Nicolaus Kranz, Vorstandsmitglied des Autozulieferers Kiekert, diese Woche die Automesse in Schanghai bestaunt, trifft er zu diesem Anlass nicht nur seine Auftraggeber aus der Fahrzeugindustrie. Der deutsche Manager nutzt den Abstecher nach China auch für Meetings mit den neuen chinesischen Eigentümern des Unternehmens, das in Heiligenhaus bei Düsseldorf sitzt.

Kiekert, Erfinder der Zentralverriegelung und Spezialist für Autoschlösser, gehört seit März 2012 dem staatlichen Industriekonzern North Lingyun Industrial aus Peking. In dessen Händen soll der einst krisengebeutelte Zulieferer wieder festeren Boden unter die Füße bekommen. Allerdings sorgt es hierzulande oft für Unbehagen, wenn ein chinesisches Unternehmen bei einem deutschen einsteigt. Das lokale Management fürchtet den Abfluss von Know-how ins aufstrebende China, während die heimischen Arbeitnehmer um ihre Jobs zittern, da die fernöstlichen Kollegen immer noch zu niedrigeren Löhnen arbeiten.

Diese Vorurteile widerlegt nun eine Studie der Bertelsmann Stiftung über chinesische Direktinvestitionen in Deutschland, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Danach gebärden sich die Chinesen meist als sanfte Eroberer und sichern deutsche Arbeitsplätze, statt Jobs in die billigere Heimat zu verlagern. Aufsehen erregt hat vor allem die Übernahme des Betonpumpenherstellers Putzmeister aus Aichtal bei Stuttgart durch den chinesischen Baumaschinenkonzern Sany Anfang 2012. Auch bei der weniger breit wahrgenommenen Kiekert-Übernahme sicherten sich Chinesen das Eigentum an einem versteckten deutschen Champion. Ebenso beim Kauf des "Schwitzspezialisten" Saunalux aus dem Vogelsberg in Hessen durch den chinesischen Branchenkollegen Saunaking.

Noch ist die Bedeutung chinesischer Investitionen für Deutschland im Vergleich zu Geldgebern aus den USA oder Europa gering. Aber sie dürfte deutlich wachsen. Laut einer Prognose des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung werden die jährlich aus China nach Deutschland fließenden Direktinvestitionen von rund 500 Millionen Dollar in 2011 auf den vierfachen Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar im Jahr 2020 steigen. Fürchten sollten wir uns nach Meinung der Experten davor nicht.

Kommentare zu " Mittelstand: Wie Chinesen Arbeitsplätze in Deutschland sichern"

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  • NUr ein Jahr vor der Übernahme von Putzmeister hat Sany in der Nähe von Köln für einige Zig-Millionen ein Werk zur Montage von Betonmischfahrzeugen erstellt. Hier war laut Vertrag (auch von Merkel unterschrieben) die Einstellung von 600 Mitarbeiten geplant. Nach einigen Eistellungen folgten dann nach der Putzmeister-Übernahme die Entlassungen. Da sollen nun Hafenkräne gebaut werden - 500km von Meer entfernt. Eingestellt wurden für die Produktion eine Menge Zeitarbeiter. Zum Thema "Technologietransfer": Dieses Werk steht in Sichtweite der modernsten Braunkohlekraftwerke der Welt. In China geht alle 2 Tage ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Und in den USA klagt Sany gegen Obama, weil der Sany untersagt hat ein Unternehmen in Sichtweite einer Navy-Basis zu betreiben, wo unbemannte Drohnen getestet werden. Ach ja... Wo sitzen nochmal die meisten Hacker?

  • Mir sind die Chinesen lieber als die angloamerikanischen Abzocker. Meiner Ansicht nach denken die Chinesen langfristig und nicht in Quartalsgewinnen. Wenn sie sich auf kleine und mittlere Unternehmen konzentrieren, so ist das nur logisch. Denn diese sind gerade in Deutschland oft die Knowhow-Träger. Und das läßt sich auch nicht so leicht kopieren. Also ist Kooperation die eleganteste Form der Wissensvermittlung.
    Man sieht dieses Vorgehen übrigens auch in den Entwicklungsländern. Auch dort kooperieren die Chinesen lieber und bieten so einen direkten Kontrast zu den angloamerikanischen Unternehmen mit deren kolonialen Ausbeutermentalität.
    Und wenn sich die deutschen Unternehmen in chinesischem Besitz weiter entwickeln, besteht überhaupt kein Grund, die Kooperation zu beenden.

  • @ Zecke

    Betriebswirte denken nur bis zur eigenen Nasenspitze (falls überhaupt). Übergeordnetes Denken und das Erfassen von einfachen Zusammenhängen gehört nicht zu deren Anforderunsspektrum .

    Die sind wirklich so doof. Kritisch wird es, wenn eine Zeitung, die Wirtschaftskompetenz für sich reklamiert, solche "Studien" einfach unreflektiert nachplappert.

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