Mittelstandsfinanzierung
Alternativen zum Kredit

Der deutsche Mittelstand entdeckt zunehmend alternative Finanzierungsformen wie den Gang an die Börse und privates Beteiligungskapital. Die aktuelle Kreditkrise könnte dabei Experten zufolge sogar als Treiber wirken. Denn bislang setzen die Firmen vor allem auf Fremdkapital – und das dürfte wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten künftig teurer werden.

FRANKFURT. „Es gibt zwar keine Kreditklemme, aber es wird zunehmend an der Preisschraube gedreht werden“, sagt etwa Dirk Notheis, Co-Chef des deutschen InvestmentBankings von Morgan Stanley. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller spricht ebenfalls von steigenden Margen – also höheren Kreditkosten. Beispielsweise sei es heute schwerer, Wachstumsfinanzierungen zu erhalten, ergänzt Notheis. Zugleich stünden viele Mittelständler unter Expansions- und Innovationsdruck. „Von daher setzen sich kleinere und mittelgroße Unternehmen stärker als jemals zuvor mit dem Thema Private Equity auseinander."

Sie stoßen auf wachsendes Interesse seitens Finanzinvestoren, die sich allerdings vor allem bei größeren und traditionsreichen Mittelständlern engagieren. Wilken Freiherr von Hodenberg, Chef der Deutschen Beteiligungs-AG, weist auf die boomende Industriegüternachfrage aus Schwellenländern wie China, Russland und Indien hin: „Davon profitieren auch deutsche Unternehmen, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau.“ Diese Bereiche bieten eine Vielzahl attraktiver Übernahmeziele.

Allerdings ist Mittelstand nicht gleich Mittelstand. „Nach wie vor ist es in Deutschland für junge, wachsende Unternehmen schwierig, an Eigenkapital herzukommen“, sagt Werner Oerter, Bereichsleiter bei der staatlichen Förderbankengruppe KfW. Gerade im Bereich Wagniskapital gebe es seit dem Platzen der Internet-Blase nach wie vor zu wenig Geldgeber: „Ein riesiges Technologie-Potenzial bleibt deshalb aus unserer Sicht ungenutzt.“ Die KfW versucht diese Lücke zu füllen: In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres wurden 300 Mill. Euro an Beteiligungsfinanzierungen ausgereicht – was dem Volumen des gesamten Vorjahres entspricht. Oerter räumt jedoch ein: „Letztlich muss der Impuls von privaten Investoren kommen.“

Aber auch andere Alternativen zum traditionellen Bankenkredit scheinen an Bedeutung zu gewinnen. „Die Tendenz von Unternehmen, sich mit dem Thema Börse zu beschäftigen, ist gewachsen“, sagt Professor Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Allerdings vollzieht sich diese Entwicklung nur langsam. Einer Studie von DAI und Deutscher Börse zufolge streben gut 24 Prozent des Mittelstandes einen Börsengang an oder ziehen ihn zumindest grundsätzlich in Erwägung. Im Jahr 2003 waren es nur knapp 19 Prozent. Hauptmotivation für einen möglichen Gang an die Börse ist in erster Linie die Finanzierung von internem Wachstum und Zukäufen sowie die Verbesserung der häufig schwachen Eigenkapitalbasis.

Insgesamt haben die Verfasser Antworten von 337 Mittelständlern mit einem Umsatz von mehr als fünf Mill. Euro ausgewertet. Dass rund drei Viertel von Ihnen nach wie vor ablehnend zu kapitalmarktnahen Finanzierungen stehen, erklärt von Rosen so: „Das ist die Scheu des Unternehmers, mit anderen zu teilen.“

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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