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Realitätserweiternde Mittel

Vor einigen Monaten war er noch Software-Entwickler bei Sony. Dann kündigte Philipp Breuss und widmete sich ausschließlich seinem eigenen Programm "Wikitude". Dieses beschreibt Sehenswürdigkeiten im Sucher von Handy-Kameras. Seitdem steht das Leben des Informatikers Kopf.

Das Video wirkt wie eine Präsentation des Bond-Ausstatters Q. Ein Mann im grünen Parka steht am Rande eines Sees, zückt sein Kamera-Handy und nimmt damit ein altes Schloss am anderen Seeufer ins Visier. Prompt poppt auf dem Bildschirm ein Textkasten auf, dessen Pfeil auf das Palais zielt. "Dieses Gebäude ist 100 Meter entfernt und im Rokoko-Stil gebaut", liest der Parka-Träger vor, "es gilt als historisches Nationaldenkmal."

Der Mann im grünen Anorak ist Philipp Breuss, kommt aus Salzburg und ist alles andere als ein Spielfilmausstatter. Vor einigen Monaten war er noch Software-Entwickler bei Sony. Dann kündigte er und widmete sich ausschließlich seinem eigenen Programm "Wikitude" - und seitdem steht sein Leben Kopf. Grund für die Aufregung: Die Software wird unter Entwicklern als die erste "Augmented Reality"-Anwendung gefeiert, die es zum Endkunden geschafft hat - als ein Programm also, das die Realität mit Computerdaten erweitert. Die Software blendet Einträge des Online-Lexikons Wikipedia im Sucherbild der Handy-Kamera ein. Rund 350 000 Datensätze aus Wikipedia sind mit Geo-Koordinaten versehen, die eine genaue Ortung möglich machen. Ein Weltreiseführer im Notizbuchformat.

Die Idee zu Wikitude kam Breuss schon vor fünf Jahren in Wien, als er sich auf der Wiese vor der Hofburg sonnte und die prächtige Fassade studierte. "Es wäre spannend, eine Brille zu haben, die mir die architektonischen Details erklärt", grübelte der historisch interessierte Salzburger. Seit Jahrzehnten wird an solchen Techniken geforscht. Bisher blieb es immer bei Prototypen, weil es kein passendes transportables Gerät auf dem Massenmarkt gab. Als Google in den USA das Handy G1 vorstellte, sah Breuss plötzlich Auftrieb für seine Idee.

Das Mobiltelefon verfügt erstmals über einen GPS-Empfänger, Kompass und Beschleunigungssensor - somit ist eine exakte Positionsbestimmung möglich. Außerdem hat Google mit Android ein offenes Betriebssystem geschaffen, für das jeder Entwickler Programme schreiben darf.

Im November 2007 lobte Google einen Wettbewerb für die 50 besten Android-Applikationen aus. Das Preisgeld betrug stattliche zehn Millionen Euro. "Das war meine große Chance", erinnert sich Breuss. Er begann zu programmieren, abends nach der Arbeit und am Wochenende, und nach einigen Wochen hatte er schon ein vorzeigbares Ergebnis, das er einreichen konnte. Rund 1800 Ideen gingen im Silicon Valley ein; Wikitude begeisterte die Jury so sehr, dass sie es unter die Top 50 wählte. Breuss gewann ein Ticket nach Kalifornien, das Preisgeld von 25 000 Dollar - und so das Sprungbrett ins eigene Unternehmen. Denn an den Downloads verdient er vorerst nichts.

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