Nabucco-Verhandlungen
Bewegung bei Pipeline-Vorhaben der Türkei

Bei einem Besuch in Indien Mitte November 2008 hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Treffen mit seinem Amtskollegen Manmohan Singh der Idee einer alternativen Route für russisches Erdöl auf den Subkontinent neue Nahrung gegeben.

Gedacht ist an eine Pipeline durch das Rote Meer und den Indischen Ozean. Ihr Beginn läge im israelischen Eilat, nur durch die Negev-Wüste vom Mittelmeer getrennt und bereits per Pipeline mit Eshkalon verbunden. An der türkischen Mittelmeerküste liegt der Ölhafen Ceyhan, Endpunkt sowohl der Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC)-Pipeline aus Aserbaidschan als auch der voraussichtlich 2009 in Betrieb gehenden Rohrleitung zum Schwarzmeerort Samsun, der über die Unterwasser-Gasleitung "Blue Stream" mit dem russischen Novorossisk verbunden ist, von wo per Schiff auch Erdöl angeliefert wird.

Als Lückenschluss fehlt dann nur noch der Abschnitt zwischen Ceyhan und der israelischen Mittelmeerküste, etwa 500 Kilometer. Eine solche Verbindung ist schon seit einiger Zeit als Multifunktionsleitung im Gespräch. Sie könnte Wasser, Öl, Gas oder auch Elektrizität transportieren. Zusätzliche Aufgaben wie die Weiterleitung von Erdöl aus Russland nach Indien gäben dem Projekt eine ganz neue Dimension. Hintergrund ist hier neben der kürzeren Transitzeit zum einen die Umgehung Irans sowie der Krisenregionen in Afghanistan und Pakistan und zum zweiten die Entlastung der Meerengen Bosporus und Dardanellen. Der Türkei würden die größeren Transitmengen außerdem entsprechend höhere Durchleitungsgebühren bescheren. Der Transport durch den Bosporus ist frei, lediglich durch die maximalen Beladung der Tanker beschränkt.

Die Frage der Vergütung des Transports durch die anatolische Halbinsel steht aus türkischer Sicht weit oben auf der Prioritätenliste, neben der Sicherung der eigenen Versorgung mit Öl und Gas. Dies hat sich in eindringlicher Weise bei den Verhandlungen um die Gasleitung nach Mitteleuropa ("Nabucco") gezeigt. Während die europäischen Partner der Türkei die Rolle eines Transitlandes zugedacht hatten, strebte die türkische Seite die Position eines Zwischenhändlers an, der Erdgas etwa in Zentralasien einkauft und – zu einem höheren Preis – an seine Kunden im Westen weiter verkauft. Die Annäherung zwischen diesen beiden Vorstellungen schien lange kaum möglich. Inzwischen ist offenbar eine Kompromissformel gefunden, die für beide Seiten tragbar ist.

Die Funktion des Zwischenhändlers soll demnach einer neu zu gründenden "Caspian Development Corporation" zukommen, die über Vereinbarungen mit den Förderländern Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan Erdgas einkauft und weiterleitet. An dieser Gesellschaft wären primär die Partnerunternehmen des Nabucco-Projekts beteiligt. Mitglieder des Konsortiums sind RWE aus Deutschland, OMV aus Österreich, Mol aus Ungarn, Transgaz aus Rumänien, Bulgargaz aus Bulgarien und eben auch das staatliche türkische Erdgasunternehmen Botas. Auf diese Weise wäre die Türkei auf beiden Seiten der Transaktion involviert, müsste jedoch auf ihre exklusive Mittlerposition verzichten.

Neben den Pipelines aus Russland und Aserbaidschan erreichen auch Erdgasleitungen aus Iran und demnächst Ägypten das südliche Anatolien. Zu den bestehenden Ölpipelines aus Irak soll bis 2015 ebenfalls noch eine Gasleitung hinzukommen. Mittelfristig entsteht so ein regionales Netzwerk für Energierohstoffe mit vielfältigen Varianten in Bezug auf die Transportwege. Dies ist zur Sicherung der Versorgung Europas und dem Aufbau von alternativen Bezugsquellen zu Russland von besonderem Interesse.

Wie der jüngste Konflikt in Georgien gezeigt hat, ist die Transportroute vom Kaspischen Meer durch die Kaukasus-Länder Aserbaidschan und Georgien weder in Bezug auf die Sicherheit vollkommen stabil noch gänzlich unabhängig von der Politik Moskaus. Die Förderraten Syriens sind rückläufig, auch der Erdgasexport Ägyptens ist durch die zur Verfügung stehenden Reserven begrenzt. Eine vom Verhältnis der vorhandenen Rohstoffe einerseits und der Marktnachfrage andererseits besonders interessante Relation ergibt sich folglich zwischen den Ländern Iran und Irak und den EU-Staaten – mit Transit durch die Türkei.

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