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Nach dem Boom: Russland kämpft mit Währungsreserven gegen Wirtschaftskrise

Millionen Russen haben durch den langjährigen Wirtschaftsboom den Sprung in die Mittelschicht geschafft. Developer, Stahlkonzerne, Chemieunternehmen und Ölriesen verzeichneten bis Mitte 2008 enorme Gewinne. Das ist jetzt vorbei. Um die wichtigsten Industriezweige in der Krise zu stärken, greift Moskau auf seine Ersparnisse zurück. Im vergangenen halben Jahr hat der Staat deshalb mehr als 200 Mrd. Dollar an Währungsreserven ausgegeben.

von Bernd Hones (gtai)
Vom Aufschwung hatten auch Ölfirmen wie Rosneft profitiert. Quelle: ITAR-TASS
Vom Aufschwung hatten auch Ölfirmen wie Rosneft profitiert. Quelle: ITAR-TASS

MOSKAU: Auch wenn russische Banken nicht direkt von der US-amerikanischen Hypothekenkrise betroffen waren, so sind deren Folgen mit einer kurzen zeitlichen Verzögerung auch in Russland angekommen. Im gesamten Land und vor allem in Moskau, dessen Immobilienpreise zu den höchsten weltweit zählen, sind umfangreiche Bauprojekte ins Stocken geraten. Viele Spekulanten und Investoren hatten den Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren angeheizt. Mittlerweile stehen wieder viele Büroräume und Wohnungen im Hochpreissegment leer, die Preise sinken drastisch.

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Die Flaute in der Bauwirtschaft setzt neben den Developern und Baufirmen vor allem auch Lkw-Herstellern zu. Sie klagen über Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe. Auch der russische Pkw-Sektor, noch bis vor kurzem der am schnellsten wachsende Kfz-Markt weltweit, ist im November und Dezember 2008 stark eingebrochen. Wegen der unsicheren Lage vertagen viele potenzielle russische Kunden Neuanschaffungen. Und jene, die sich doch für den Erwerb eines neuen Autos entscheiden, kommen nur zu sehr schlechten Bedingungen an einen Kredit. Die Flaute in der Bauwirtschaft und im Kfz-Bereich senkt die Nachfrage nach Metall - das nächste Sorgenkind der russischen Wirtschaft.

Besonders hart treffen die niedrigen Rohstoffpreise im Augenblick die russische Realwirtschaft. Erdöl, Erdgas, Chemikalien, Stahl - diese Branchen waren bis vor kurzem noch die Garanten des russischen Exportwachstums. Längst sind auch Dienstleister und Einzelhändler von der Krise betroffen: So rechnet etwa die Werbebranche im Jahr 2009 mit einem stark sinkenden Umsatzaufkommen.

Zu diesen branchenspezifischen Problemen kommt die Kreditabhängigkeit russischer Unternehmen und Banken von ausländischen Finanzinstituten. Mit über 540 Mrd. US$ stehen sie im Ausland in der Kreide, ein erheblicher Teil dieser Verbindlichkeiten wird noch 2009 fällig. Um seine Vorzeigeunternehmen vor dem sicheren Konkurs zu bewahren, Arbeitsplätze zu retten und eigene Lobbygruppen zufrieden zu stellen, hat der russische Staat Ende 2008 ein knapp 10 Billionen Rbl (274 Mrd. Euro; durchschnittlicher Devisenkurs 2008: 1 Euro = 36,54 Rbl) schweres Anti-Krisen-Paket aufgelegt. Durch die Unterstützungsmaßnahmen sind die Währungsreserven von Anfang August 2008 (597 Mrd. US$) bis Anfang Februar 2009 (387 Mrd. US$) um 210 Mrd. US$ geschrumpft. Auch wenn ein Teil dieser Summe für die Stützung des russischen Rubels aufgewendet wurde, so kam doch der Löwenanteil der Banken- und Realwirtschaft zu Gute.

Das Geld ging und geht zunächst überwiegend an drei große Banken: Sberbank, WTB-Bank, Rosselchosbank. Von dort soll es zu günstigen Konditionen an kleinere Kreditinstitute weiterverliehen werden. Aber auch 80 vergleichsweise große Banken sollen mit dem Geld unterstützt werden. Und schließlich - so will es die russische Regierung - sollen Industriekonzerne, Handelshäuser und Agrarunternehmen in Form von günstigen Krediten profitieren.

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