Neue Geschäftsideen und Konkurrenzangst
Ringen um Handwerksreform

Den sprichwörtlichen „Goldenen Boden“ hat das Handwerk schon lange nicht mehr. Seit acht Jahren gehen die Umsätze zurück. Immer mehr Betriebe machen pleite. Ausbildungs- und Arbeitsplätze gehen verloren. Einen wichtigen Grund dafür sehen die Bundesregierung und viele Experten in der rund 50 Jahre alten Handwerksordnung. Um ihre Reform und vor allem um die Zukunft des Meisterbriefes ist eine hoch emotionale Debatte entbrannt.

HB/dpa BERLIN. Verkrustete Strukturen und nicht mehr zeitgemäße Beschränkungen zum Berufszugang behinderten innovative Kleinunternehmer und förderten Schwarzarbeit, argumentieren die Befürworter der Reform. Dagegen kontern Handwerksverbände, die Entwicklung sei der schwachen Konjunktur geschuldet. Die Bundesregierung sei mit zu hohen Steuern und Abgaben zu einem guten Teil mitverantwortlich für die Misere. Das zeige auch eine große Zahl von Meistern, die sich trotz Qualifikation nicht selbstständig machten. Die Union stößt in dasselbe Horn.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) will den bisher vorgeschriebenen Meisterzwang in zwei von drei Handwerksberufen abschaffen. Nur in den Zünften, in denen Kunden bei unsachgemäßer Arbeit gefährdet werden, soll der Meisterbrief noch Voraussetzung zur Betriebsgründung sein. Bei einer Anhörung von Verbänden, Fachleuten und Wissenschaftlern im Bundestagswirtschaftsausschuss wurde die Erwartung deutlich, dass die Reform nicht nur mehr Selbstständigkeit, sondern auch neue Geschäftsideen fördern könnte. „Der moderne Kunde möchte Leistungen aus einer Hand“, hieß es aus dem Einzelhandel.

Wer heute zum Beispiel in einem Baumarkt eine Lampe, Parkettboden oder Badezimmerarmaturen verkaufe, dürfe nicht zusätzlich Verlege- oder Installationsarbeit anbieten, ohne Bußgelder zu riskieren. Also ließen viele Kunden das schwarz von einem Freund oder Nachbarn erledigen. Überall sonst seien Service-Pakete aus einer Hand inzwischen üblich. Nur in Deutschland sei das nicht möglich.

"Meisterbrief behindert Gründungsdynamik"

Auch Wirtschaftsforscher sehen „die Gründungsdynamik durch den Meisterbrief behindert“. Professor Martin Hellwig von der Universität Mannheim sagte, wenn gewerbeübergreifende Tätigkeitsfelder erlaubt würden, könne Schattenwirtschaft durch legale Angebote ersetzt werden. Ähnliche Erwartungen äußerte der Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Lagemann vom RWI/Essen. Er verwies auf Angebote wie umfassenden Gebäude-Service oder erweiterte Dienstleistungen bei Bäckern oder Fleischern.

Nicht alle Handwerker verschließen sich solchen Argumenten. So rechnet etwa der „Interessenverband freier und kritischer Handwerkerinnen und Handwerker“ wie die Monopolkommission mit neuen Arbeitsplätzen in sechsstelliger Größenordnung. Denn es bestehe die Chance, Tätigkeiten aus der Schattenwirtschaft in die reguläre Wirtschaft zu überführen. Und Schwarzarbeit sei nach wie vor ein Wachstumsbereich.

Viel wichtiger als der Meisterbrief sei der Nachweis regelmäßiger Weiterbildung, meint der Verband. „Eine vor 40 Jahren abgelegte Meisterprüfung bietet keine Gewähr für die Kenntnis des Stands der Technik.“ Wenn sichergestellt werde, dass die Handwerksmeister up to date sind, könne der Meisterbrief ersatzlos abgeschafft werden. Für die Sicherheit der Verbraucher sorgten zahlreiche andere Gesetze und Verordnungen.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sieht dagegen die Branche vor einem Katastrophenszenario. Die Ausbildungsbereitschaft werde erheblich zurückgehen und Betriebe ins Wanken geraten. Zum Bespiel führt der Zentralverband des Friseurhandwerks aus: Wenn Friseure keinen Meisterbrief mehr brauchen, könne es eine Flut von Allein- oder Nebenerwerbsfriseuren geben. Neue Nachfrage sei angesichts der konjunkturellen Lage aber kaum zu erwarten. Diese „Badezimmerfriseure“, die ohne große Investitionen einzurichten seien, gingen zu Lasten der bestehenden Läden. Durch die Förderung von Ich-AGs werde dieser Effekt noch verstärkt.

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