Niedergelassene Ärzte
Ärzte gehen über zur Operation Teamgeist

Geht es um Gehalts- und Budgetverhandlungen stehen niedergelassene Ärzte oft alleine da. Darum bündeln einige Ärzte ihre Interessen in Genossenschaften - und erhöhen so ihre Verhandlungsmacht gegenüber den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung.

BERLIN. Stagnierende Honorare, schmale Budgets, Zusatzarbeiten ohne Vergütung - mit seinen Arbeitsbedingungen ist der Stuttgarter Kinderarzt Thomas Jansen jedes Jahr unzufriedener. "Die Situation wird immer schwieriger", sagt er. Die Ursache: "Das Abrechnungssystem ist auf die Erwachsenenmedizin ausgerichtet", sagt Jansen. "Spezifische Leistungen der Kinderärzte werden darin nicht abgebildet." Darunter leide inzwischen gar die Qualität der Behandlung. "Der Frustpegel steigt."

Jansen hat gehandelt. Vergangenes Jahr schlossen sich die Kinderärzte der Region Stuttgart zur Ärztegenossenschaft PädNetzS zusammen. Mit gebündelten Kräften verschaffen sie sich seither bei der Kassenärztlichen Vereinigung, bei den Krankenkassen und anderen Gremien im Gesundheitswesen Gehör. "Durch den Zusammenschluss haben wir eine viel größere Verhandlungsmacht", sagt Jansen. Die Ziele sind klar gesteckt: angemessene Honorare aushandeln, bessere Versorgungsverträge für die Basisarbeit durchsetzen, als Interessensvertreter der Kinder- und Jugendmedizin auf gesundheitspolitischer Ebene Einfluss nehmen und so bessere Rahmenbedingungen für eine höhere Versorgungsqualität schaffen.

Ähnlich zielstrebig wie die Stuttgarter zeigt sich eine Gruppe niedergelassenener Orthopäden in Berlin. Als Belegärzte sind sie bei Operationen darauf angewiesen, dass die Krankenhäuser ihnen einen OP-Saal zur Verfügung stellen. "Die Zahl der Operationen schwankte je nach Kapazität der Krankenhäuser erheblich", sagt Gunnar Sax, Mitinhaber der orthopädischen Klinik am Roseneck in Berlin. Um mehr Planungssicherheit zu schaffen, gründete Sax mit Kollegen vor zwei Jahren die Genossenschaft Endoportal. Diese handelt nun mit den Kliniken Dachverträge für die Nutzung der OPs aus, die allen Genossenschaftsmitgliedern zu Gute kommen.

PädNetzS und Endoportal stehen beispielhaft für einen regelrechten Gründungsboom, den Ärztegenossenschaften seit einigen Jahren bundesweit erleben. Allein im vergangenen Jahr gab es 27 Neugründungen. Der Grund für die Wahl der Rechtsform ist stets ähnlich: Die Ärzte wollen eine basisdemokratische Organisation mit gleichem Mitbestimmungsrecht für alle. Offene Strukturen sollen es ermöglichen, unbürokratisch Mitglieder aufzunehmen. Hinzu kommt die Option, neben dem gemeinsamen Einstehen für politische und tarifliche Interessen auch wirtschaftlich zusammenzuarbeiten.

"Niedergelassene Ärzte haben zunehmend das Bedürfnis, ihre Interessen zu bündeln", sagt Manfred Krutzinna, stellvertretender Geschäftsführer der im Jahr 2000 gegründeten Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein (ÄGSH), die mittlerweile über 2 200 Mitglieder zählt und damit rund die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in Schleswig-Holstein repräsentiert. Einen Grund dafür sieht er in der seit einigen Jahren von der Regierung forcierten Öffnung des Gesundheitsmarktes für mehr Konkurrenz. Seit sich Managementgesellschaften und Klinikketten in der ambulanten Versorgung tummeln, verschärft sich die Lage für niedergelassenene Ärzte. Immer mehr von ihnen schaffen mit gemeinschaftlichen Strukturen ein Gegengewicht.

Viele Ärztegenossenschaften bündeln darüber hinaus auch die wirtschaftlichen Kräfte ihrer Mitglieder. Die ÄGSH dient als Einkaufsgemeinschaft, etwa für Praxis- und Bürobedarf. Sie hat sogar ein eigenes Pharmaunternehmen namens Q-Pharm gegründet, das bundesweit knapp 50 Wirkstoffe vertreibt. "Der Preis der Medikamente liegt im Vergleich zu anderen Produkten immer im unteren Drittel", sagt Krutzinna. Das stelle die Wirtschaftlichkeit der Medikamentenverordnung sicher. Mit den Gewinnen aus Einkauf und Pharmavertrieb finanziert die ÄGSH ihre eigenen Strukturen oder veranstaltet Fortbildungen für die Ärzte.

Fortbildungen und Patientenveranstaltungen spielen auch bei Endoportal und PädNetzS eine zentrale Rolle. Ziel der Ärztegemeinschaften ist unter anderem die Qualitätssicherung - und natürlich die Werbung neuer Patienten. Die Verhandlungen mit Krankenhäusern und Kassen haben inzwischen Wirkung gezeigt: Der Berliner Orthopäde Gunnar Sax konnte dank der neuen Verträge die Zahl der Operationen in den ersten zwei Jahren verdoppeln. "Heute haben wir Planungssicherheit für ein ganzes Jahr", sagt er.

Auch Kinderarzt Thomas Jansen zieht eine positive Bilanz aus der Mitgliedschaft im PädNetzS. Besonders zuversichtlich macht ihn die stark steigende Mitgliederzahl: PädNetzS hat seit Gründung vor einem Jahr von 72 auf weit über 225 Mitglieder zugelegt und die Aktivitäten mittlerweile auf ganz Baden-Württemberg ausgeweitet. Jansen glaubt deshalb, dass die Genossenschaft bald die kritische Masse für Verhandlungen über landesweit gültige Versorgungsverträge erreichen wird. Er sei sehr zuversichtlich, dass sich dann auch seine Arbeitsbedingungen verbessern werden, sagt Jansen: "Insgesamt ist die Genossenschaft ein überzeugendes Modell."

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