Offene Türen
Investoren drängen in Zukunftsmarkt Indien

Zum Auftakt ihres Staatsbesuchs umarmte Angela Merkel Indien nicht nur als werdende Weltmacht. Die Bundeskanzlerin hat sich auch zum Ziel gesteckt, die Investitions- und Handelsbeziehungen auf ein neues Niveau zu heben.

NEU-DELHI. „Das Potenzial ist bei weitem nicht voll ausgeschöpft“, erklärte sie am Dienstag. Dabei stünden deutschen Firmen die Türen in Indien weit offen. Dank massiv anziehender deutscher Exporte legte der bilaterale Handel im Vorjahr um 39 Prozent auf 10,5 Mrd. Euro zu. Damit wurde eine erst 2004 vereinbarte Zielmarke drei Jahre vor der Zeit gebrochen. Nun legen beide Seiten die Latte ein gutes Stück höher: Merkel und Indiens Premier Singh wollen den Handel bis 2012 auf 20 Mrd. Euro verdoppeln. Allerdings entspricht auch dies erst einem winzigen Teil des deutschen Außenhandels. Bei Merkels Besuch werden solche Vergleiche aber nicht als Armutszeugnis gedeutet, sondern als Beweis dafür, wie groß das Zukunftspotenzial noch ist.

Eingelöst werden soll dieses unter anderem durch engere Zusammenarbeit bei Verkehrsinfrastruktur und in Energiefragen. Dass Deutschland als Quelle von Direktinvestitionen in Indien bislang nur auf Rang sechs rangiert, erklärt Jürgen Hambrecht, BASF-Chef und Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, auch mit Hürden auf indischer Seite: „Ohne Beschränkungen bei Banken, Versicherungen und Einzelhandel lägen die Zuflüsse höher“, mahnte er. Außerdem müsse das Land seine Infrastruktur verbessern.

Doch statt eines Problems sehen immer mehr Unternehmer auch darin eine Geschäftschance. Die Regierung beziffert den Kapitalaufwand für neue Straßen, Häfen und Kraft-werke auf 475 Mrd. Dollar bis 2012. „Aber ich bin zuversichtlich, dass das Land seine Infrastruktur endlich in den Griff bekommt“, meint Hubertus Lienhard. Der designierte Vorstandschef des Maschinenbauers Voith spürt das Aufleben staatlicher und privater Investitionen an seinen Auftragsbüchern: Darin verbuchten die Schwaben in jüngster Zeit 15 kleine und drei große Aufträge für Wasserkraftwerke. Wie wichtig Indien als Forschungsstandort wird, beweist Voith zudem gerade mit der Verlegung seines globalen Technologiezentrums für kleine Wasserkraftwerke nach Delhi. Neben China hat sich Indien für Voith als Schlüssel für hohes Wachstum etabliert: 2006 entfiel der Großteil von 25 Prozent Umsatzwachstum auf diese zwei Länder.

Manager sind angesichts solcher Chancen zunehmend bereit, sich mit Problemen wie Bürokratie und ewigen politischen Entscheidungswegen zu arrangieren. „Eine Demokratie hat immer den Nachteil einer gewissen Trägheit“, meint etwa Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard. „Sie sichert Firmen aber gleichzeitig auch ab gegen böse Überraschungen.“ Im boomenden Logistikbereich wittern Deutsche ebenfalls Chancen. Dem mit Merkel mitgereisten Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zufolge arbeitet sein Konzern an sieben bis acht Projekten. Keines ist unterschriftsreif. Zusammen mit einer großen Bank könne aber zum Beispiel der Neu- oder Umbau von Bahnhöfen in Agra und Jaipur und deren Management möglich werden. Die Deutsche Post und ihr indisches Pendant vereinbarten eine strategische Partnerschaft.

„Die Erwartungen liegen auf beiden Seiten inzwischen sehr hoch“, beschreibt Hambrecht einen Stimmungsumschwung in den deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen. Deutsche Firmen schielen auf Indiens Wirtschaftswachstum, das sich auf über neun Prozent beschleunigt hat, und auf ein Marktpotenzial, das sonst nur China bietet. Dass sie mehr investieren als je zuvor, wurde auch am Dienstag deutlich: Die Finanzdienstleister Ergo und NordLB gaben neue Engagements in Indien bekannt.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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