Offener Brief Euro-Rettung spaltet die deutsche Wirtschaft

Ein Riss geht durch die deutschen Unternehmen: Jungunternehmerin Ostermann und andere wettern gegen die Griechenland-Rettung. Nun positioniert sich BDI-Präsident Keitel gegen den Mittelstand - und springt Merkel bei.
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Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, mahnt vor Rückschritten in der europäischen Integration. Quelle: ap

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, mahnt vor Rückschritten in der europäischen Integration.

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BerlinDer Bundesverband der Deutschen Industrie ist der mächtigste Vertreter deutscher Wirtschaftsinteressen. Er spricht für mehr als 100.000 Unternehmen. In der wichtigsten aktuellen wirtschaftspolitischen Frage allerdings, wie der Euro auf ein tragfähiges Fundament gestellt werden kann, herrschte bislang auffällige Stille rund um den BDI.

Hier beherrschen andere die Schlagzeilen - allen voran die beiden Vertreter deutscher Familienunternehmer: Lutz Goebel, Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“, und Brun-Hagen Hennerkes, Gründer der „Stiftung Familienunternehmen“. Mit ihren Euro-skeptischen Beiträgen und scharfer Kritik am Rettungskurs von Kanzlerin Angela Merkel dominieren sie die Debatte über die Zukunft der Gemeinschaftswährung. „Ich habe den Eindruck, dass die deutsche Politik zu wenig auf die Bundesbank hört“, sagt Goebel. Hennerkes bemängelt, dass kein politisches Konzept in der Euro-Krise zu erkennen sei. Es herrsche „Chaos und Verwirrung“.

Doch nun holt BDI-Präsident Hans-Peter Keitel zum Gegenschlag aus. In einem Brief an die wichtigsten Unternehmens- und Verbandsvertreter des BDI, der dem Handelsblatt vorliegt, unterstützt Keitel den europapolitischen Kurs der Kanzlerin. „Die langfristige Sicherung der Währungsunion liegt im elementaren Interesse jedes Einzelnen von uns“, schreibt er. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsverbänden, die etwa einen Austritt Griechenlands oder anderer überschuldeter Staaten aus der Währungsunion für denkbar oder sogar wünschenswert halten, warnt der BDI-Präsident: „Jeder Schritt zurück in der europäischen Integration würde unkalkulierbare Risiken für die wirtschaftliche und politische Stabilität bedeuten.“

Ohne die Familienverbände zu nennen, kritisiert Keitel deren Aktionen wie die zweite „Berliner Erklärung“: Er halte „nichts von populistischen Spekulationen und Mutmaßungen über finanzielle Belastungen“. Es passe nicht zum „Selbstverständnis“ der Wirtschaft, „in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ökonomischen Aktionismus und waghalsige Manöver von der Politik einzufordern“.

Der Stiftungsverband hatte Anfang Juni die Parlamentarier aufgefordert, den Rettungsschirm ESM, über den in Kürze im Bundestag abgestimmt wird, abzulehnen, da mit ihm zu den bereits bestehenden Verpflichtungen weiteres Kapital und Garantien von 700 Milliarden Euro eingesetzt würden.

Argumente der Mittelständler überzeugen mehr

Keitel begründet seine Befürwortung der Euro-Rettung mit dem Hinweis auf die „erheblichen Vorteile“ der deutschen Wirtschaft durch die Gemeinschaftswährung. „Die Einführung des Euros war und bleibt richtig. Gerade für Deutschland und seine Exportwirtschaft ist die Gemeinschaftswährung das Fundament für Wohlstand und Beschäftigung“, so Keitel.

Der Brief, den der BDI-Präsident heute abschickt, ist nicht nur ein flammendes Plädoyer für den Euro. Das Schreiben soll auch zeigen, wer die Stimme der Wirtschaft in Deutschland ist.

Marie-Christine Ostermann, Bundesvorsitzende von Die jungen Unternehmer, reagierte am Montagnachmittag auf den BDI-Brief:  „Wir haben unsere Aussagen sehr gründlich diskutiert und bleiben dabei: Keine weiteren Milliarden für noch weniger Reformauflagen! Wie auch der BDI setzen wir auf den Euro, allerdings muss ein Austritt Griechenlands möglich sein, um nicht die Stabilität der gesamten Euro-Zone zu gefährden. Eine Alternative dazu zeigt auch der BDI nicht auf. Dabei gibt es im Leben nichts, was ohne Alternativen ist.“

Zurück zur D-Mark? Auf keinen Fall!

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91 Kommentare zu "Offener Brief: Euro-Rettung spaltet die deutsche Wirtschaft"

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  • wahrlich ich sage euch: es kommt der Tag (hoffentlich bald!!), an dem uns der Messias aus dem EURO-Debakel herausführen wird;warum gründen Henkel, Schäffler und Co nicht eine eigene ANTI-EURO-Partei??(sie hätten mind. 80% der Wählerstimmen)

  • +++mehr Intelligenz BITTE+++

    Ich kann doch wohl von der Politik
    etwas mehr Kreativität bei so viel Geld verlangen.
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
    „Ich habe da einen Perfekten Vorschlag für die Politiker!“

    Alle Löhne & Gehälter direkt ans Finanzamt!

    Jeder Arbeitnehmer bekommt dann
    das Gleiche monatliche Taschengeld vom Finanzamt!

    So ist das Ausplündern viel effizienter …
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

  • Was war es für ein schönes Land!?

    „Deutschland“

    Was ist daraus geworden!

    Wer hat´s verbrochen?

    Die POLITIKER!

    Keine Intelligenz in der Politik!
    Aber eine atemberaubende Skrupellosigkeit!

    Egal welcher Bildungsstand,
    leider sehr wenig Verstand im Volk.

    Intelligenz kann man nämlich nicht studieren …

    Schade um dieses schöne Land!

  • Ich sag nur, Hochtief, Herr Keitel. Diese Manager-Riege in den Unternehmen ist sehr zu hinterfragen.

  • "Deutschland müsste mal eine grosse Mediakampagne in Europa starten, in der klar gesagt wird, wie es um Deutschland steht und wie die Deutschen leben." - Wie wär´s, Einstein, mit folgenden Zahlen: Die Deutschen haben offizielle (bilanzierte) Schulden aus aufgenommenen Krediten von rd. 2,2 Bio. Euro; das sind rd. 88% BIP. Zusätzlich noch rd. 5,0 Bio. Euro gegenüber den Sozialkassen (für Pensionen, Renten, Gesundheit etc., nicht bilanziert), das sind 200% BIP. Mit insgesamt 288% BIP sind sie weit über den von Brüssel erlaubten Rahmen (60% BIP) hinaus verschuldet. Diesen steht ein Gesamtvermögen von 10 Bio. Euro gegenüber, das aber zu 70% den Reichen gehört und bereits längere Zeit außerhalb der Reichweite des europäischen Fiskus´ gebunkert ist: Wie sollen die Deutschen noch für die Schulden anderer Europäer aufkommen? Aber das glauben nicht mal die Deutschen selber!!!

  • Manus manum lavat - Die Stimme des BDI, der Wirtschaft, für die Politik? Eine Wirtschaft der Globalisierung, für die Rendite für ihre Anteilseigner die höchste Maxime ist, die den Begriff Wirtschaftsethik nicht mal vom Hörensagen kennt; die Gewinne dort anfallen lässt, wo die Politik mit Steuerfreiheit lockt und Verluste ins Inland verlagert; die dort Arbeit schafft, wo gerade die höchsten Subventionen winken und sie gleich wieder vernichtet, wenn keine Subventionen mehr gezahlt werden? Eine Stimme der "deutschen Wirtschaft"?, Hans Olaf Henkel sei´s geklagt. Aber wir kennen diese Stimme wohl, sie hat Europa bereits zweimal ins Unglück gestürzt, beim zweiten Mal gar die Zustände der Apokalypse heraufbeschworen (1945).
    Fehlt nur noch der Mann mit der Fahne: in Italien erhebt schon Berlusconi die Stimme; aber der Mann mit der Fahne in diesen Zeiten ist eindeutig der Franzose Hollande!! So eine Ähnlichkeit!!! Unglaublich!!!

  • Keitel handelt erbärmlich und vollständig verantwortungslos gegenüber unserer Volkswirtschaft und ihren Bürgern. Merkel, der verbohrte EU Ideologe Schäuble und das parlamentarische Stimmvieh hintergehen die Interessen des deutschen Volkes so systematisch, undemokratisch und perfide, dass es mir die Sprache verschlägt. Am meisten widert mich deren gigantische Verlogenheit an, mit der ich als Bürger ständig für vollständig dumm verkauft werde. Ich bin zarte 34 und habe so einen krassen Verrat am Fleiss und der Arbeitsleistung deutscher Bürger und die vollständige Aufgabe deutscher Interessen noch nie erlebt. Das werde ich Merkel und Schäuble nicht verzeihen. Schäuble und Merkel sind für Ihr kriminelles Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen - auch wenn das länger gehen sollte. Als fassungsloser Bürger seine letzten Hoffnungen auf das politische Gericht BVerfG zu setzen, halte ich angesichts von Vosskuhle und Co und der bisher schon geduldeten Verfassungsbrüche für schlicht treudoof.
    Kurzfristig kann uns nur Gauck vor dem ESM-Wahnsinn retten. Langfristig müssen wir Bürger uns gegen Brüssel und die eigene Polit-Kaste selber helfen.

  • "Der Brief, den der BDI-Präsident heute abschickt, ist nicht nur ein flammendes Plädoyer für den Euro. Das Schreiben soll auch zeigen, wer die Stimme der Wirtschaft in Deutschland ist." - hoffentlich nicht dieser BDI, dem ehemaligen BDI-Präsidenten Hans Olaf Henkel sei´s geklagt. Der BDI ist, das zeigt sich hier mal wieder deutlich, glücklicherweise nicht der Vertreter der deutschen Wirtschaft, die hier mehr als 90% des BIP, die Exportleistung und die Arbeitsplätze schafft, sondern einer Wirtschaft der Spekulation, die auch an Niedergängen noch verdient, weil sie mal dort und mal hier auftaucht, wo es die meisten Subventionen gibt, was sie als "Globalisierung" bezeichnet, was aber in Wirklichkeit die Form des Kapitalismus ist, der uns auch die Apokalypse von 1945 gebracht hat: Und die angebliche Überzeugung, daß man miserable und verantwortungslose Politik, einen "Erfüllungswahn", in anderen Ländern (Speziell PIIGS+F) durch Fiskalpakte und Eurobond-Systeme alimentieren müsse, um denen eine Fortsetzung der verantwortungslosen Schuldenpolitik zu ermöglichen, ist in Wirklichkeit gar keine der Großindustrie, denn der Schuldeneuphorie, in die auch dieses Land immer mehr rutscht, weichen die geschickt aus: Die vertreten lediglich die Interessen ihrer großen Vermögensbesitzer und Anteilseigner, Spekulanten, die Interessen der Menschen Europas sind denen völlig Wurst.

  • es gibt genug Sklaven, die das erarbeiten, was andere
    ausgeben !

  • Niemand hindert Sie, Ihr gesamtes Vermögen in die PIIGS-Staaten zu kippen, in welcher Form auch immer. Aber ich stelle mich mächtig auf die Hinterbeine, wenn man das mit meinem Geld macht, zumal davon eben nicht irgendwelche Schulkinder, sondern korrupte Seilschaften und Oligarchen profitieren und strukturelle Änderungen verhindert werden. Wer etwas ändern will, muss bei sich selbst anfangen und erst mal das eigene marode Haus in Ordnung bringen. Mit unserem zunehmend verwahrlosenden System haben wir genug Aufgaben im eigenen, mit zwei Billionen hinreichend verschuldeten Land, hinzu kommen all die für die PIIGS übernommenen Haftungen und Garantien sowie die täglich steigenden Target2-Forderungen. Man kann ein System nicht mit den Mitteln kurieren, die zu seiner Krankheit geführt haben, und wer selbst im Chaos lebt, sollte sich besser nicht anmaßen wollen, anderswo Ordnung zu schaffen. Also Finger weg und jeder erst mal bei sich selbst schön aufräumen, dann können wir uns wieder an einen Tisch setzen, vorher nicht.

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