Pioniere der Einheit
Der Witzknubbel, der schlauer war als die Stasi

In der DDR war das HiFi-Genie Joachim Kiesler einer der wenigen freien Unternehmer, ehe auch er unter Honecker enteignet wurde. Nach dem Mauerfall übernimmt er wieder die Führung seiner Firma. "Nehmen Sie einen Investor aus dem Westen mit rein", rät ihm die Treuhand. Der Sachse Kiesler weigert sich. Heute weiß er, dass er alles richtig gemacht hat.

GEITHAIN. Zur Begrüßung gleich der erste Gag, gefolgt von einem Knuff gegen den Oberarm. „Wir haben ja die gleiche Frisur“, ruft Joachim Kiesler, weitgehend haarlos. „Ich hab aber noch 'ne Perücke zu Hause.“

Schon am Telefon hatte Kiesler angekündigt, Hobbykabarettist zu sein. Nun, an diesem wärmenden 6. Oktober in seiner Firma im tiefsten Sachsen (einen Tag übrigens vor dem 60. Geburtstag der DDR, gäbe es sie noch), zieht er alle Register. Da werden Pointen angekündigt mit „Weeste warum?“ oder gleich mit „Jetzt pass auf!“

Zur Verlogenheit des Bruderkusses im sozialistischen Staat etwa: „Ein Küsschen in Ehren kann niemand verwehren – Parteisekretären.“ Pause. „Verstehste?“

Drei Stunden am Stück mit Joachim Kiesler können unterhaltsam und anstrengend zugleich sein. Im Westen würde man ihn wohl einen Witzknubbel nennen.

Kiesler, ein Sachse von 68 Jahren und kleiner Statur, ist aber viel mehr als das – und davon handelt diese Geschichte vor allem. Sie handelt davon, dass Kiesler einer der wenigen Unternehmer in der DDR war. Und dass es seinen Betrieb Musikelectronic Geithain, den er 1960 im gleichnamigen 5000-Seelen-Dörfchen zwischen Leipzig und Chemnitz gründete, heute noch immer gibt – und dass sein Geschäft mit hochpräzisen Lautsprechern blüht.

In diesen Tagen, wo Deutschland 20 Jahre Mauerfall feiert, könnte man auch sagen: Die Geschichte von Joachim Kiesler ist die des Unternehmertums in der DDR. Und umgekehrt.

Weeste warum? Weil man in der DDR existieren und sie überleben konnte, wenn man frech war, beweglich, unbeugsam und doch geschmeidig. Wenn man das Hinwegdenken über Mauern beherrschte.

Kiesler formt mit Daumen und Zeigerfinger der rechten Hand einen Abstand von wenigen Zentimetern: „Wenn du immer nur so denkst“, sagt er, diesmal ganz ernst, „dann bist auch im Leben bloß so.“

Joachim Kiesler steht in einem Raum, den man eher bei Raumpatrouille Orion vermuten würde. Spacig sieht er aus und irgendwie selbst gebastelt. Das ist er auch. Einen schallarmen Raum wie diesen bauen zu lassen, wäre zu DDR-Zeiten unbezahlbar gewesen. Also haben sie sich zumindest das Material beschaffen lassen, damals in den 70ern, und dann selbst Hand angelegt. Lauter Keile aus Dämmmaterial ragen aus den Wänden und der Decke, auf dem Boden ein Drahtgitter, darauf in der Mitte nichts außer einem Mikrofon und einem einzigen Lautsprecher.

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