Pioniere der Einheit
Die Stehaufmännchen von Zschopau

Karin und Jürgen Schütze waren unter den allerersten DDR-Bürgern, die sich nach dem Fall der Mauer 1989 selbstständig machten. Sie scheiterten, und sie standen wieder auf mit einer neuen Geschäftsidee. Immer wieder. Doch sie sind nicht zum Unternehmertum geboren. Der dauerhafte Erfolg bleibt aus. Heute haben sie Schulden. Aber jammern liegt ihnen nicht. Bis heute.

ZSCHOPAU. Da steht er. Ein viereckiger Couchtisch, aus massivem Holz, honigfarben gebeizt, die Tischplatte im Stäbchenparkett-Muster, die Beine stabil und doch zierlich. Der stumme Zeuge der guten Zeiten und der schlechten.

An diesem Tisch haben Karin und Jürgen Schütze vor fast 20 Jahren gesessen und ihr erstes Westgeld gezählt. 6500 Mark hatten sie eingenommen, als sie Trauben, Orangen und Bananen im Flur ihres Hauses verkauften. In Zschopau, einem Städtchen im Erzgebirge. 6500 Mark Umsatz an einem einzigen Wochenende, Anfang 1990, wenige Monate nach dem Fall der Mauer. Auf dem Tisch haben sie Geldtürmchen gebaut.

Hier an diesem Tisch haben sie gesessen und ihr Leben geplant - in der Freiheit. Sie malten sich ihren ersten eigenen Laden aus, mit einem Sortiment "total auf Marktwirtschaft" umgestellt und Verkäuferinnen, die "disziplinierter und freundlicher" sind als zu DDR-Zeiten. Sie planten das Abenteuer, das die neuen Zeiten für sie bereithielten, träumten von Aufbruch und Aufstieg. Damals glänzte die Tischplatte noch makellos.

Heute steht der Tisch an derselben Stelle in ihrem Wohnzimmer. Karin und Jürgen Schütze sitzen oft hier, lesen, schauen fern. Geld, das sie auf dem Tisch auftürmen könnten, haben sie keines mehr. Sie planen auch nicht mehr viel, schon gar keine unternehmerischen Abenteuer. Den Tisch verunstalten kleine Macken und Kerben.

Anfang 1990, die Grenze ist schon offen und das Ende der DDR nah, da gehörten die Schützes zu den ersten Ostdeutschen, die sich selbstständig machen, sie eröffnen ein Geschäft für Obst und Gemüse. Sie scheitern, aber sie fangen wieder neu an, und wieder, und wieder. Und wieder. Die Schützes legen sich nicht in die Hängematte, werden die Menschen später über die beiden sagen. Sie sind eine ostdeutsche Vorzeigefamilie, ganz so, wie Einheitskanzler Helmut Kohl sie sich damals vorstellt.

Das Immer-wieder-Aufstehen macht Karin und Jürgen Schütze zu Pionieren, zu Siegern der Einheit, auch wenn sie heute vielleicht mehr wie Verlierer aussehen. Ihre Geschichte ist die all derer, die die neuen Chancen ergriffen, als der Sozialismus abdankte, für die sich längst nicht alle Versprechen erfüllten und die dennoch weiter Ja sagen zur Sozialen Marktwirtschaft. Denn nicht jeder ist zum Unternehmer geboren, und nicht jede Geschäftsidee gelingt.

In den ersten zehn Jahren nach dem Fall der Mauer dienten die Schützes als Vorbild. Bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitete sie der Münchener Dokumentarfilmer Wolfgang Ettlich. Er hatte die Schützes zufällig kennengelernt, als er in einem der Gästezimmer übernachtete, die sie vermieteten. In den folgenden zehn Jahren besucht Ettlich sie immer wieder, dokumentiert ihren Unternehmungsgeist und ihren Durchhaltewillen, ihre Erfolge und Rückschläge. Drei Filme entstehen. Immer wieder sagen die Schützes darin: "Wir geben nicht auf, wir machen weiter." - Und heute?

Seite 1:

Die Stehaufmännchen von Zschopau

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%