Pioniere der Einheit
Kunath-Chefin Haufe: Eine Frau wagt den Schnitt

Als Christine Haufe die Firma ihrer Familie 1990 als eine der ersten in der Noch-DDR privatisiert, hat sie eigentlich keine Chance. Die Marktwirtschaft nimmt der kleinen Firma für Arbeitsbekleidung den Markt weg. Also holt Haufe sich ihn zurück, Kunde für Kunde, Kittel für Kittel. Mit Mut, Kreativität und ganz viel Familiensinn.

BRETNIG-HAUSWALDE. Christine Haufe traut ihren Sinnen nicht. Es ist kurz nach 18 Uhr, sie sitzt mit ihrem Mann auf der Couch, der Fernseher läuft. Sie ist müde vom langen Arbeitstag. Und dann das. Dieser Mann, der da spricht, kann nicht ganz bei Trost sein.

Christine Haufe sieht DDR-Fernsehen. Es läuft ein Bericht aus der Volkskammer, ein Abgeordneter spricht von unternehmerischer Eigenverantwortung, weniger Kollektiv. Ende der volkseigenen Industrie. Es ist der 13. November 1989.

Schluss mit Planwirtschaft, es lebe der Kapitalismus? Das ist es doch, was der Abgeordnete Manfred von Ardenne, Sprecher der Fraktion Kulturbund, da sagt. Erst vor wenigen Tagen ist die Mauer geöffnet worden. Christine Haufe schreibt mit, was sie da hört, damit sie es glaubt. Sie fasst einen Entschluss. Jetzt oder nie.

Sie ist 48 Jahre alt, Leiterin in einem von zehn Werken, die zu einem Volkseigenen Betrieb gehören. Sie will die juristische Selbstständigkeit. Mehr Verantwortung, weniger Kollektiv. Eilig setzt sie sich hin und formuliert einen Antrag.

Keine Reaktion, wochenlang. Im Januar 1990 bekommt sie einen Anruf: „Es werden keine VEBs mehr in das Handelsregister aufgenommen ... “, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Haufe ist geschockt, den wichtigen Zusatz überhört sie fast: „… nur noch GmbHs.“

„Es ist mir wurscht, wie das heißt; der Antrag bleibt bestehen.“ VEB und Kunath, dieses Kapitel will sie ganz schnell beenden. Es geht für sie nicht um irgendein Werk. Sondern um jenes, das vor der Zwangskollektivierung jahrzehntelang im Besitz ihrer Familie war.

F.W. Kunath wird der Treuhandbetrieb Nr. 80. Das 80. Unternehmen, das noch in der DDR wieder privatisiert wird und eines von 8500, die am 1. Juli 1990 unter Obhut der Treuhand ihre Arbeit aufnehmen.

F.W. Kunath ist eines der ältesten Familienunternehmen in Ostdeutschland. In der 3000-Einwohner-Gemeinde Bretnig-Hauswalde, 35 Kilometer nordöstlich von Dresden, nähen die Mitarbeiter seit 1868 Arbeitsbekleidung. Schürzen, OP-Kittel, Krankenhaushemden.

Wenn Christine Haufe durch die Produktion läuft, ist es, als würde sie schauen, was ihre Kinder gerade machen. Ein nettes Wort, ein kleiner Scherz, auch mal eine Aufmunterung. Sie hält seit Anfang der 70er-Jahre die Fäden in der Hand – auch während der Verstaatlichung. Es ist ihr Leben.

Noch heute, mit knapp 70 Jahren, schaut sie fast täglich bei ihren Näherinnen vorbei. Neun Frauen sitzen aufgereiht hintereinander an den Nähmaschinen. Eine macht die Seitennähte, eine die Taschen, eine die Knöpfe. Neun Frauen, neun Minuten, dann ist eine Schürze fertig. Im besten Fall. Im einfachsten. Die aufwendigeren dauern schon mal 30 Minuten. Am Ende liegen die fertigen Stücke, akkurat zu 10er-Päckchen gebündelt.

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