Pioniere der Einheit
Militzers Mission

Michael Militzer hat 1990 in Eisenach den Autozulieferer Mitec gegründet, eine der größten unternehmerischen Erfolgsgeschichten der deutschen Einheit. Nun kämpft er vor Gericht gegen seinen Ex-Kunden Ford - und für seine Ideale einer fairen Marktwirtschaft. Denn gelten die nicht mehr, sieht Militzer das ganze Aufbauwerk Ost in Gefahr.

EISENACH. Im letzten Moment, bevor er die Tür erreicht, schnippt Michael Militzer die halb gerauchte Marlboro in einen Stehascher. Er marschiert durch die Eingangshalle. Alles Stahl, Glas, Buche. Militzer ist kampfbereit. Er ist gekommen, den Kapitalismus vor Gericht zu stellen. Und die Marktwirtschaft zu retten. Und die Ehre der Ostdeutschen, all das, was sie in 20 Jahren Einheit aufgebaut haben.

Es ist höchste Zeit dafür, findet Michael Militzer, der Wessi.

Landgericht Meiningen, Thüringen, gelegen auf halbem Weg zwischen Erfurt und Fulda. Die achteckigen Gläser von Militzers randloser Brille sind noch leicht getönt vom Sonnenlicht. Es sieht aus, als hätte sich er die Augen schwarz geschminkt wie ein Soldat im Dschungeleinsatz. Sein Tarnanzug ist ein dunkelblauer Dreiteiler.

Der Gegner verspätet sich. "Na dann", schnaubt Militzer.

Michael Militzer, Gründer und Inhaber der Mitec AG, Eisenach, 900 Mitarbeiter, hat die Ford Motor Company, Detroit, 213.000 Mitarbeiter, verklagt. Ein ostdeutscher Autozulieferer, noch keine 20 Jahre alt, fordert einen der größten und ältesten Autokonzerne der Welt heraus. Es geht um die Kündigung eines Vertrages, es geht um Diebstahl von Know-how. Um 20 Millionen Euro. Und noch um etwas anderes, darum, was Militzers Ansicht nach die Marktwirtschaft im Innersten zusammenhält: Vertrauen; Anstand; Fairness, auch im Wettbewerb.

Der Fall spiegelt die feudalen Verhältnisse in der Autobranche wider. Zulieferer wie Militzer fühlen sich Herstellern wie Ford oder Volkswagen oft ausgeliefert. Weil sich auf einem globalisierten Markt immer irgendwo eine Firma findet, die noch etwas billiger zu produzieren verspricht, müssen die Konzerne nicht zimperlich sein. Viele Zulieferer, oft Mittelständler, lassen sich vieles gefallen, weil sie fürchten, wichtige Kunden zu verlieren.

Der Fall erzählt auch einiges über Michael Militzer. Er ist der Erste, der sich vor Gericht wehrt. Nicht zufällig. Er schlägt seine letzte große Schlacht. Es verteidigt sein Lebenswerk.

Militzer, der Unternehmer, der eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Einheit hingelegt hat, der mit Einstecktuch, Bassstimme und halbbarocker Körperform daherkommt wie ein ehrbarer Kaufmann im 19. Jahrhundert, dieser Michael Militzer ist überzeugt, dass eine Marktwirtschaft ohne Komment ihr Fundament verliert. Weil Fressen-und-gefressen-werden eine Gesellschaft zerfrisst. Erst recht eine wie die im Osten Deutschlands, in der sich noch immer nicht alle Menschen zurechtfinden in Marktwirtschaft und Demokratie.

Für Militzer ist der Fall klar. Er hatte einen Vertrag mit Ford. Er hat Teile geliefert, die Ford in seine Motoren einbaut, wie seit Jahren. Er hat fehlerfrei geliefert, drei Teile auf eine Million dürfen schadhaft sein, Branchenstandard. Wie es der Vertrag vorsieht, den er 2001 mit Ford USA schloss. 450.000 Stück pro Jahr sollte Mitec liefern. Vor drei Jahren aber kündigte Ford den Vertrag per E-Mail plötzlich, 35 Millionen Euro Jahresumsatz sind weg. Und als wäre das nicht genug, gab Ford die Konstruktionspläne von Militzers Firma an einen Konkurrenten in Mexiko weiter, der billiger produziert. So sieht es Militzer.

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