Pioniere der Einheit
Operation Wurst für den Westen

"Finden Sie einen Investor, halten Sie das Unternehmen so lange am Leben - und investieren Sie kein Geld", sagten die Treuhand-Manager. Karlheinz Krone dachte, sie hätten ebenso gut sagen können: Fliegen Sie zum Mond. Trotzdem ist ihm ein seltenes Kunststück gelungen. Er hat mit seiner Ost-Wurstfabrik auf einem hart umkämpften Markt bestanden.

HALBERSTADT. Der Kapitalismus trägt Stöckelschuhe und hat Haare auf den Zähnen. Er lauert in einer Edeka-Einkaufszentrale in Minden, hinter einem Schreibpult in einem Zweckbüro, westdeutsche Avantgarde. Es ist Anfang der 90er-Jahre, und Karlheinz Krone, Geschäftsführer der Halberstädter Würstchen- und Konservenfabrik aus der gerade aufgelösten DDR, muss Märkte erobern. Er schiebt eine Preisliste über die Tischplatte, von Ost nach West gewissermaßen. "Damit können Sie gleich wieder gehen", sagt die Dame hinter dem Schreibpult. Krone schluckt, dann traut er sich was. Vergisst das Papier und packt seine Wurstkonserven auf den Tisch. Er schwärmt von der Geschichte der Wurst, bietet der Frau an zu kosten. Am Ende stört die Einkaufleiterin nur das Design der Dose. "Machen Sie die Braut hübsch, dann nehmen wir sie."

Die Operation Wurst für den Westen hat begonnen. Es wird ein harter Kampf, aber die erste Schlacht ist gewonnen. Seine DDR-Ware darf in die Regale des kapitalistischen Einzelhandels.

Da steht sie nach 20 Jahren immer noch.

Dabei wäre die Wurst aus Halberstadt, die schon Kaiser Wilhelm sättigte, die Weimarer Republik nährte, das Volk im real existierenden Sozialismus versorgte, fast von der Wiedervereinigung vertilgt worden. Die Firma ist einer der wenigen DDR-Betriebe aus der Branche, die es geschafft haben, in den Westen rüberzumachen.

Seit drei Jahrzehnten ist einer immer mit dabei: Karlheinz Krone. Ein sozialistischer Werksdirektor, der die Bedeutung von bunten Bildchen und kernigen Sprüchen erkannt und im Kaufmann und Metzger Ulrich Nitsch einen begeisterungsfähigen Investor gefunden hat.

Krone schlurft durch die Halberstädter Würstchenzentrale, trägt verwuscheltes Grauhaar, Brille, in der Hand einen Stoffbeutel. Früher, da saß er Tür an Tür mit der Vergangenheit kaiserlichen Unternehmertums. Geschnitztes Holz tafelt die Wände. Sonnenstrahlen blinken durch Jugendstil-Glasfenster. Am Kopf des Raums thront ein Schreibtisch aus massivem Holz. Hier hockte einst Firmengründer Friedrich Heine und erfand die industriell gefertigte Brühwurst; ein Pionier der Nahrungsindustrie. Krones Augen leuchten, als er den Namen des Alten nennt. In dessen Büro arbeitet heute manchmal noch Investor Ulrich Nitsch, dessen Geld die Halberstädter Wurst gerettet hat.

1883 hatte Heine angefangen. Weil sich im hügeligen Umland keine Felder bestellen ließen, verlegte die Region sich von jeher auf die Fleischproduktion. Das tut sie bis heute. Nur der Dom hat Halberstadt in den vergangenen Jahrzehnten noch bekannter gemacht. Der Stadt ist nicht viel geblieben, der Krieg hat Wunden im Stadtbild geschlagen, die nicht verheilt sind. Mittendrin erstreckt sich das Wurst- und Konservenimperium. Direkt neben dem Bahnhof.

Seite 1:

Operation Wurst für den Westen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%