Pioniere der Einheit
Wie der Angelsachse wieder zum Sachsen wird

Hans Jürgen Naumann, ein Sachse, wanderte aus, nach Amerika, und kam zurück nach dem Mauerfall. In Chemnitz stieß er auf unentdeckte Wurzeln und verhalf einem Werkzeugmaschinenhersteller zu Weltgeltung.

CHEMNITZ. Hans Jürgen Naumann ist Sachse. Das ist nicht zu überhören.

Einen Akzent hat er zwar nicht, aber immer wieder baut er diese drei Worte in seine Sätze ein: "als gebürtiger Sachse". Dann folgt: "Als gebürtiger Sachse bringe ich viel Idealismus mit" oder "als gebürtiger Sachse weiß ich um die Qualitäten der Menschen hier."

Hans Jürgen Naumann ist Amerikaner. Das ist nicht zu übersehen.

Ein breiter goldener Ring sitzt auf seinem linken Ringfinger. Er erinnert an seinen Abschluss als Betriebswirt, den er 1965 an der Universität in Rochester an der US-Ostküste macht. Jahrzehnte lebt er dort, arbeitet sich vom Manager zum Unternehmer hoch, bekommt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er spricht stets eine Spur zu laut und zu jovial. Er beugt sich im Gespräch zu einem rüber, klopft auf die Schulter, tätschelt den Rücken. Wie ein Amerikaner eben.

Hans Jürgen Naumann ist eine der schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten in Sachsen. Mit einer Mischung aus Verbundenheit zu seiner Heimat und amerikanischem Optimismus hat er einen Chemnitzer Werkzeugmaschinenhersteller neu erfunden und wieder groß gemacht. Naumann hat einen gehörigen Anteil daran, dass die Stadt wieder an ihren alten Ruf als sächsisches Manchester anknüpfen kann und ihr Image als Symbol für die Probleme beim Aufbau Ost abgeschüttelt hat.

All das ist nicht absehbar, als er nach der Wende nach Europa kommt. Naumann, damals Chef und Eigentümer des amerikanischen Werkzeugmaschinenherstellers Simmons, ist auf der Suche nach einem Standbein auf dem alten Kontinent. Und nach Fachleuten, "denn die waren in den USA Mangelware".

Er findet viel mehr - seine alte Heimat und längst vergessene Kapitel aus der Geschichte seines US-Unternehmens, von denen er nie etwas ahnte. Es wird eine unerhoffte zweite Wiedervereinigung und der erneute Aufstieg eines Chemnitzer Traditionsunternehmens, das bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde.

Zurück zu den Wurzeln

Für Naumann beginnt die Sache 1991 auf einer Werkzeugmesse in Paris. Der Sachse mit dem amerikanischen Pass wird auf eine Chemnitzer Firma mit einem ungewöhnlichen Namen aufmerksam: Niles. Naumann kennt bereits einen Werkzeugmaschinenbauer mit diesem Namen. Genauso wie das kleine eckige, blau-weiße Logo des Unternehmens. Niles ist ein Teil von Simmons, dem US-Konzern, den Naumann in den 80er-Jahren gekauft hat. Was er damals allerdings nicht wusste: Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte Niles auch einen Ableger in Chemnitz.

Einige Wochen nach der Werkzeugmesse in Paris besucht Naumann die einstige sächsische Niles-Tochtergesellschaft - und seine alte Heimat. Naumann ist 1935 auf einem Gut nördlich von Chemnitz geboren. Im Krieg muss seine Familie flüchten, er wächst in Hamburg auf, wandert später in die USA aus.

Ganz losgelassen hat er allerdings von Deutschland nie: Abwechselnd arbeitet er mal in Amerika, mal in der Bundesrepublik, erst als Ingenieur, dann als Manager. Er fühlt sich in beiden Ländern wohl, ist mit einer Deutschen verheiratet, seine Kinder wachsen zweisprachig auf.

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