Pioniere der Einheit
Wie der Konsum in den Osten kam

1998 heuert Roger Ulke beim maroden Einzelhändler Konsum Dresden an und schafft die Sensation. Seit 2003 schreibt das einst für tot erklärte Unternehmen schwarze Zahlen. Wie der gelernte Ladenbauer frischen Wind nach Dresden brachte und mit Einkaufserlebnis und Auswahl Konsum Dresden in die neue Zeit scheuchte.

DRESDEN. Roger Ulke will raus aus der DDR, und zur Strafe landet er im Lebensmitteleinzelhandel. Das kam so: Es ist das Jahr 1985. Ulke hat einen Ausreiseantrag gestellt. Bald beginnt er, Tag für Tag um Punkt 13 Uhr telefonisch den Stand des Behördengangs zu erfragen. Irgendwann platzt den DDR-Oberen der Kragen: Berufsverbot für den Schreiner und Buchbinder. Fortan muss Ulke, damals 21 Jahre alt, Brötchen liefern für die Kumpel in Sachsens Braunkohlegruben.

So beginnt Roger Ulkes Einzelhandelskarriere. Jahrelang erträgt er den schikanösen Brötchenjob. Ausliefern etwa darf Lieferant Ulke natürlich nur nachts. Am 20. April 1989, gut sechs Monate vor dem Mauerfall, sitzt der junge Mann aus Leipzig, sein Hab und Gut in zwei Koffern verstaut, endlich im Zug nach Gießen. Die DDR lässt ihn gehen. Er hat das System der Sozialisten bezwungen. Er ist frei.

Zehn Jahre später heuert ausgerechnet Ulke bei einem der ehemaligen Symbole der Wirtschaft im "real existierenden Sozialismus" an, rettet ihm das Überleben im Kapitalismus - und das auch noch dank einer Prise sozialistischer Methoden.

1998 kommt Roger Ulke zu Konsum Dresden. Betont wird der Firmenname übrigens auf der ersten Silbe, also "Konnsumm". Der Einzelhändler ist nach zehn Jahren Marktwirtschaft fast am Ende. Ulke gelingt der Turn-around. Von den einst 220 Konsum-Ketten der DDR ist Konsum Dresden heute nicht nur einer der wenigen, die überlebt haben. Die Firma ist auch der einzige Ost-Lebensmittelhändler, der im Westen der Republik Läden eröffnet hat und so Großkonzerne wie Aldi, Rewe oder Edeka herausfordert. Ein kleines bisschen wenigstens.

1990 spricht nichts dafür, dass Konsumläden überleben könnten. Zwar gibt es in fast jedem Dorf einen. Die grünen, roten und blauen Rabattmarken, die DDR-Hausfrauen sammeln und ins "Konsumheft" einkleben, gehören zum Alltagsleben wie Trabant, Broiler oder Spreewaldgurken. Aber gegen die Aggressivität und das Kapital der Westkonzerne haben die DDR-Händler keine Chance. Eigentlich. Als am 1. Juli 1990 die D-Mark die Ostmark ablöst, gilt das als Todesurteil für viele Ostfirmen.

Und dann sind da auch noch die Glücksritter, die auf der Suche nach dem schnellen Geld durch Sachsen oder Thüringen ziehen - all die Blender, Hasardeure, Schaumschläger, die Fratzen des Kapitalismus.

Marina Eitrich, 53, ordnet die Akten in ihrem kleinen Erdgeschossbüro schräg gegenüber dem Empfangstresen, der Vertretern und Postboten den Weg durch die verwinkelte Konsum-Zentrale in Dresden weist. Leise spricht Eitrich über all das Neue nach der Wende, rückt immer mal ihre goldgeränderte Brille zurecht. Das Vorstandsbüro leitete sie damals. Ihr erster Zusammenstoß mit dem real existierenden Kapitalismus, das war dieser Typ, der Woche für Woche im schwarzen Jaguar bei Konsum vorfuhr.

Seit 1972 arbeitet Marina Eitrich bei Konsum Dresden. Mit 480 Verkaufsstellen und 5 000 Mitarbeitern gilt das Unternehmen im Ost-Einzelhandel als Schwergewicht. Der Jaguarfahrer will zugreifen.

Bei jedem Besuch, sagt Eitrich, baumelt dem blond gelockten Heilsbringer ein mit einem "magischen Auge" verziertes Amulett um den Hals. Und jedes Mal hat er drei junge Damen dabei, die ihn auf seiner Mission eskortieren. So stellt sich der Kapitalismus bei Konsum Dresden vor.

1888 ward das Handelsunternehmen gegründet, hat Kaiserreich, Weltkriege, Naziterror und dann auch den Sozialismus überdauert. Doch nun, in der Freiheit der Marktwirtschaft, fühlen sich Mitarbeiter wie Marina Eitrich hilflos wie nie zuvor.

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