Porträt: Wilhelm Wolferstetter Der Kapitän am Ruder seines Hochseeschiffs

Wilhelm Wolferstetter dachte schon über Facility Management nach, als andere noch Hausmeister einstellten. Seine Sicht gilt in der Branche als wegweisend.
  • Katrin Elger

KÖLN. Wenn Wilhelm Wolferstetter an der Reling seines Segelbootes steht, macht er sich gerne Gedanken über Kosten-Nutzen-Analysen und denkt über optimales Facility-Management (FM) nach. Dann ziehen Glühbirnen an seinem inneren Auge vorbei, Heizungsanlagen, Fluchtwege und Wendeltreppen. „Erklären kann ich mir das auch nicht“, sagt Wolferstetter, „aber die besten Ideen kommen mir oft beim Segeln oder in der Badewanne.“

Seit 23 Jahren ist er für das Facility Management beim Münchner Industriekonzern Wacker zuständig, und er gilt als einer der Bekanntesten Gebäudemanager in seiner Branche. Wolferstetters Territorium ist ein 61 000 Quadratmeter großes Bürogebäude im Münchner Südosten, das sich die Konzernzentrale von Wacker mit mehreren Mietern teilt. 520 Mitarbeiter arbeiten allein in der Verwaltung des Chemiekonzerns. Weltweit hat das Unternehmen rund 14 400 Beschäftige und erzielte 2005 einen Jahresumsatz von rund 2,8 Milliarden Euro. Wolferstetter hat also eine Menge Platz zum Erfinden neuer FM-Konzepte.

Wilhelm Wolferstetter hält Vorträge über sein Fachgebiet, schreibt Artikel und wirbt in ganz Deutschland für das professionelle In-Schuss-Halten von Gebäuden. Seine Abteilung bei Wacker hat er einmal als Kompetenzzentrum für praxisorientiertes Facility Management bezeichnet. In der Branche gilt er als Vordenker, der sich schon mit Facility Management auseinander setzte, als andere nicht einmal den Begriff kannten.

„Ein guter Facility-Manager muss jeden Winkel und jedes Gebäudeteil kennen“, sagt Wolferstetter. Ansonsten sei es schwierig zu erkennen, wo sich technische und betriebswirtschaftliche Abläufe noch optimieren ließen. Wolferstetter war schon bei der ersten Planung des Wacker-Neubaus 1986 mit dabei.

Er managte den Umzug ins neue Gebäude mit und erhielt 1997 den FM-Anwenderpreis für die beste Gebäudebewirtschaftung in Deutschland. „Wenn man vom Rohbau an mit dabei ist, bekommt man natürlich den bestmöglichen Überblick über ein Gebäude und die komplizierte Technik“, sagt der 58-jährige. Außerdem hatte er auf diese Weise von Anfang an die Möglichkeit, seine Ideen vom Segelboot einzubringen: Nämlich wie sich eigentlich Betriebskosten einsparen lassen, ohne dass die Qualität leidet.

Denn im Grunde geht es im Facility-Management um nichts anderes: Niedrige Kosten, hohe Qualität und Sicherheit. Angefangen bei der Gebäudeleittechnik über die Klimatisierung und dem Brandschutz bis hin zum Sonnenschutz. Und manchmal lassen sich die Erfolge sogar ganz einfach in Zahlen messen, anhand der Stromrechnung zum Beispiel. Auf den Betrag unter diesem Strich ist Wolferstetter besonders stolz.

Immerhin ist es ihm gelungen, die Stromkosten für seinen Arbeitgeber um mehr als 90 000 Euro im Jahr zu senken, indem er das Kühlsystem im Rechenzentrum erneuern ließ. Mittlerweile laufen dort keine energiefressenden Aggregate mehr, kühl wird es ganz einfach durch kalte Außenluft, die durch physikalische Prozesse in den Raum gesaugt wird.

„Man muss nur intensiv darüber nachdenken, dann fällt einem schon ein, wie sich das alles besser und kostenbewusst umsetzen lässt“, sagt Wolferstetter. Facility-Management hat für ihn also auch immer etwas mit Ideenreichtum, Fantasie und Service zu tun - an Hausmeisterei denkt er dabei nicht.

Wenn Wolferstetter seine Einfälle nicht gerade in der Badewanne kommen, lässt er sich anderorts inspirieren. Auf Geschäftsreise oder im Urlaub zum Beispiel. „Egal, wo ich hinkomme, ich schau mir erst einmal ganz genau den Eingangsbereich eines Gebäudes an“, sagt der FM-Experte. Das sei nämlich das Aushängeschild eines Unternehmens und müsse besonders ansprechend gestaltet sein.

„Wenn ich dann sehe: Aha, die machen etwas besser als wir, versuche ich das sofort im eigenen Unternehmen umzusetzen“, erzählt Wolferstetter. Wenn nicht, und das ist die Schattenseite des FM-Vordenkers, dann müsse ihn seine Frau hin und wieder ein bisschen bremsen, gibt Wolferstetter zu. Sonst kann es passieren, dass er den Hotelchef aufsucht, um ihm ein paar Tipps zum Thema Facility Management zu geben. Dieser Missionseifer ist auch der Grund dafür, dass Wilhelm Wolferstetter gemeinsam mit seinen Mitarbeitern einen Facility-Management-Lehrpfad eingerichtet hat. Besucher aus der ganzen Welt können sich bei Wacker-Chemie darüber informieren, wie erfolgreiches FM der Marke Wolferstetter auszusehen hat.

Wie bei einem Naturlehrpfad für Schulklassen können Manager und Unternehmer das Verwaltungsgebäude inspizieren. Nur geht es eben nicht um Vögel und Schnecken, sondern um Lüftungen und Sprinkler. 30 Schautafeln informieren in deutsch und englisch über die verschiedenen Anlagen und Arbeitsabläufe. 30 Mal pro Jahr führt Wolferstetter Besuchergruppen durch die Wacker-Welt. Immer nach 17 Uhr, damit die das Tagesgeschäft nicht gestört wird.

Häufig sind unter den Lernwilligen auch Facility Management-Studenten der Fachhochschule Kufstein oder der Bundeswehruniversität München. Denn dort doziert Wolferstetter seit vielen Jahren. „Das macht mir viel Spaß“, sagt er. „Und irgendwie ist es auch ein ganz guter Ausgleich zu meinem normalen Job.“ Am Unterrichten hat er sogar soviel Freude, dass er den Wacker-Azubis inzwischen auch Rhetorik-Kurse anbietet. Als erfahrener Redner in Sachen FM hat er auch auf diesem Gebiet einiges zu sagen - und er schätzt die Abwechslung.

Lange sitzt Wolferstetter sowieso nie vor dem Computerbildschirm. Meistens ist er auf Achse, inspiziert Gebäude und hält Konferenzen mit seinen Mitarbeitern. Acht Leute gehören zu Wolferstetters Team. Elektromeister, Ingenieure, Mechatroniker, Sanitätsfachmänner und Elektrotechniker. „Eine gute Mannschaft ist das allerwichtigste“, sagt er - wie bei der Seefahrt. „Sonst läuft das Ganze irgendwann aus dem Ruder.“

Vergleiche aus der Schiffahrt bringt der Bayer gerne. Bevor er bei dem Münchner Chemiekonzern anfing, ist er sechs Jahre lang als Schiffsbetriebsingenieur auf Fracht- und Passagierschiffen zur See gefahren. Jetzt ist die Wacker-Zentrale sein Ozeanriese. „Das Facility-Management eines Luxusliners unterscheidet sich nicht wesentlich von dem eines Gebäudes“, doziert der FM-Kapitän. „Schnell reagieren muss man bei beiden. Technik bleibt Technik und Service bleibt Service.“

Die Büros der Wacker-Konzernzentrale würde er jedenfalls nicht mehr gegen Schiffskajüten tauschen wollen. Irgendwann sei es für jeden an der Zeit, an Land zu gehen, sagt er. Und wenn Wilhelm Wolferstetter trotzdem einmal Sehnsucht nach dem Ozean bekommt oder neue Inspiration für die Stromrechnungen von Wacker-Chemie braucht, plant er einfach den nächsten Segeltörn.

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