Publizität
Die Geheimniskrämer im Mittelstand

In Deutschlands Mittelstand herrscht helle Aufregung. Grund ist die geplante Verschärfung der Publizitätspflicht. Dabei werden eigentlich nicht die Vorschriften verschärft, wohl aber ihre Durchsetzung. Bislang veröffentlichen nur wenige Mittelständler mehr, als sie unbedingt müssen.

DÜSSELDORF. Während bisher die Angaben beim Bundesanzeiger einzureichen und nur auf Antrag Dritten zugänglich sind, müssen von 2007 an die Angaben beim elektronischen Bundesanzeiger angezeigt werden. „Auf diese Daten hat dann jeder Zugriff“, moniert Ulrich Irriger, Partner der Wirtschaftskanzlei Kümmerlein, Simon & Partner in Essen. Zusätzlich droht ein von 25 000 auf 50 000 Euro erhöhtes Bußgeld, wenn Unternehmen ihre Daten nicht oder zu spät angeben. Die Justiz schreitet künftig bei Verstößen automatisch ein.

Bisher hatten viele Unternehmen ihre Daten einfach nicht dem Bundesanzeiger gemeldet und darauf gesetzt, dass niemand die Offenlegung erzwingt. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young schätzt, dass weniger als 15 Prozent der betroffenen Unternehmen der Veröffentlichungspflicht nachkommen. Fehlende Bilanzen wurden von den zuständigen, häufig überlasteten Gerichten nur sporadisch eingetrieben.

„Die überwiegende Anzahl der Mittelständler möchte so wenig wie möglich veröffentlichen“, beschreibt Norbert Winkeljohann, Vorstand bei Pricewaterhouse Coopers, den Trend. Für Unternehmen mit einem engen Markt sieht er durch die Offenlegung der Daten einen entscheidenden Nachteil, da Kunden und Wettbewerber Einblick in die Ertragslage bekommen. „Die Folgen könnten ein Verfall der Preise und Margen sein.“ Auch für Unternehmen, denen es wirtschaftlich nicht gut geht, sieht Winkeljohann Nachteile durch eine Offenlegung der Bilanz.

Mark Binz von der Anwaltssocietät Binz & Partner in Stuttgart sieht in der Publizitätspflicht für den Mittelstand ebenfalls eher Nachteile. „Aus guten Bilanzen schlagen Betriebsrat, Lieferanten und vor allem Kunden sofort Kapital, insbesondere bei Preisverhandlungen“, meint er. Auch würden Wettbewerber angelockt, die vorher nicht gewusst hätten, wie viel sich in der Branche oder Nische verdienen lasse. Auch hätten viele Unternehmer Angst vor Entführungen.

Trotzdem sieht der Wirtschaftsanwalt auf Dauer in der Publizität eher Chancen als Risiken. So führe die künstliche Vermeidung der Publizitätspflicht etwa durch Betriebsaufspaltungen zu großer Unübersichtlichkeit. „Wer direkt an Endkunden liefert und gute Erträge erwirtschaftet, kann von Publizität auf Dauer nur profitieren“, meint Binz. Veröffentlichte Gewinne motivierten auch die Mitarbeiter.

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