Raffarin verliert seine Fans
Frankreichs Mittelständler sind von der Regierung enttäuscht

An den Händen von Patrick Germain klebt Sägemehl. Beim Türenhersteller C.I.B. in Mézins packt der Chef noch selbst mit an. Als im Mai 2002 die bürgerliche Regierung unter Jean- Pierre Raffarin im 600 Kilometer entfernten Paris die Macht übernahm, hoffte der 56-Jährige auf mehr Verständnis der Mächtigen für Mittelständler wie ihn. „Heute muss ich sagen: Mir hat die Regierung Raffarin nichts gebracht. Das ist enttäuschend“, so Germain.

AGEN. Als Raffarin als Premierminister antrat, wollte er „Unternehmertum fördern“, „Abgaben und Steuern senken“, die „35-Stunden-Woche flexibilisieren“, das Land „dezentralisieren“, „Bürokratie abbauen“. Frankreichs Unternehmerverbände waren entzückt. Hatte doch der sozialistische Premier Lionel Jospin mit der 35-Stunden-Woche und verschärftem Kündigungsschutz die Unternehmer wie Patrick Germain gegen sich aufgebracht wie selten eine Regierung zuvor.

Doch zwei Jahre später wenden sich Frankreichs Unternehmer ab von Raffarin und seiner Partei. Umfragen zufolge will bei den Regionalwahlen am Sonntag nicht mal mehr jeder dritte Mittelständler für die UMP stimmen. Nach nur 18 Monaten Existenz hat die 2002 gegründete Volkspartei einen wichtigen Teil ihrer Stammwähler vergrätzt. Der UMP droht eine empfindliche Pleite.

So auch im Département Lot-et-Garonne, in dem der Betrieb von Patrick Germain liegt. Als einziges in der Gegend wird es noch von den Konservativen regiert. Wirtschaftlich muss das Département kämpfen: Wenig Industrie, viel Landwirtschaft, Tourismus noch im Aufbau, viele Junge verlassen die Heimat. „Bei unserer Lage genau zwischen Bordeaux und Toulouse müssen wir uns besonders viel einfallen lassen, um attraktiv zu bleiben“, sagt Jacques Dardaud, Ex-Europachef des Pharmaweltkonzerns Bristol-Myers Squibb (BMS), der sich in der Kreisstadt Agen zur Ruhe gesetzt hat und nun der Handelskammer von Lot-et-Garonne bei der Standortpolitik hilft. Die neue internationale Kontaktbörse ist ein großer Erfolg bei der Förderung des Exports. Das im September vergangenen Jahres eröffnete Pharma-Schulungszentrum soll ortsansässige Konzerne wie Sanofi-Synthélabo und BMS zum Bleiben bewegen.

Von der Regierung in Paris kommen dagegen eher alte Probleme als neue Lösungen, findet Unternehmer Germain. Beispiel: Seine Nachfolge. In einigen Jahren will er sich zur Ruhe setzen. Sein Sohn arbeitet mit im 58-Mann-Betrieb. „Aber wenn ich die Firma an ihn weitergäbe, würden 26 Prozent Spekulationssteuer und auch noch Vermögenssteuer fällig“, rechnet Germain vor. „Mein ganzes Vermögen steckt im Betrieb, aber wenn ich aufhöre, werde ich bestraft.“ Raffarin hatte die Weitergabe neu regeln wollen, kam aber bisher noch nicht dazu.

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