Rausch
Jürgen Rausch – Schokoholic im Dschungel

Die Schokolade ist klassisch, der Einkauf modern. Die traditionelle Berliner Schokoladen-Manufaktur Rausch sichert sich ihre Rohstoffe direkt bei den Kakaoanbauern - und erhält dadurch exklusive Spitzenqualität zu einem guten Preis. Und seit die Manufaktur mit "Plantagen-Schokoladen" den Sprung in die Supermärkte geschafft hat, legt das Geschäft zweistellig zu.

HAMBURG. Jürgen Rausch kommt gerade vom Bau. Um Viertel vor fünf ist er aufgestanden, um seine Baustelle im Berliner Stadtteil Tempelhof zu inspizieren. 25 Mitarbeiter sollen dort ab Herbst in einer Schokoladen-Manufaktur Schokolade und Pralinen herstellen – nach alten Verfahren aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. „Die alten Rezepte lagen noch im Tresor, die hab ich noch“, sagt der 60-jährige Unternehmer, der in der vierten Generation die Berliner Manufaktur Rausch Schokoladen und das Schokoladenhaus Fassbender & Rausch, Chocolatiers am Gendarmenmarkt, führt. In der Manufaktur soll die Kunst der Gründerväter der Firma, Wilhelm Rausch und Heinrich Fassbender, wieder aufleben.

Dass Rausch in der Krise in den Aufbau einer neuen Produktionsstätte investiert – und zwar in eine, die eine völlig altmodische Kunst pflegt – ist typisch für den Berliner. Mit der Devise: „Wir sind lieber klein und fein als groß und hässlich“ ist sein Unternehmen in den vergangenen Jahren gut gefahren, und heute, in der Krise, legt es weiter zu.

Seit 38 Jahren steht Rausch an der Spitze eines kleinen Schokoladen-Imperiums mit etwas mehr als 500 Mitarbeitern. Als er die Führung übernahm, war er gerade einmal 22 Jahre alt und hatte ein Flugticket nach Boston in der Tasche. Dort wollte er bei einer Bank ein Praktikum machen und dann in einer Werbeagentur arbeiten. Eine schwere Krankheit seines Vaters Gerhard Rausch durchkreuzte die Pläne. „Der Familienrat beschloss, dass ich ein halbes Jahr die Geschäfte führen soll, bis der Vater sich wieder erholt hat“, erinnert sich Rausch. Der Vater erholte sich nicht, aus der Übergangs- wurde eine Dauerlösung.

Rausch übernahm die Unternehmensführung mitten in einer handfesten Krise der Schoko-Industrie. Wegen eines Preiskampfs der Branchenriesen rauschten die Preise für Tafelschokolade in den Keller, erinnert sich Rausch: „Die Frage war: Machen wir das mit oder nicht.“ Er entschied, nicht mitzumachen, nahm die eigenen Tafeln vom Markt und konzentrierte sich auf die Pralinenherstellung. Zehn Jahre lang produzierte Rausch keine Tafelschokolade.

Die Radikalität hat Rausch bis heute als Firmenprinzip beibehalten. Und es zahlt sich aus, dass er oft andere Wege geht als die große Konkurrenz. Der Umsatz hat sich in den letzten Jahren fast vervierfacht.

Rausch kommt seit sechs Jahren besonders der Trend zur Bitterschokolade zugute. Tafeln mit 70, 85 oder gar 99 Prozent Kakaoanteil haben sich zum Verkaufsrenner entwickelt. Während früher acht von zehn verkauften Tafeln aus Vollmilchschokolade waren, ist heute jede zweite eine Bitterschokolade. Als Schokoladenliebhaber gefällt Rausch dieser Trend: „Ich lebe und ich liebe Schokolade, meine Frau nennt mich oft einen Schokoholic. Und Bitterschokolade ist eine ehrliche Schokolade. Sie enthält nur Edelkakao und Rohzucker.“ Bei Vollmilch-Tafeln können die Hersteller dagegen tricksen: Da wird Vollmilch, Zucker, Lecithin, Vanillin, Butter- oder Nussfett beigemischt, so dass auch aus mittelmäßigem Kakao eine süße Leckerei wird.

Rausch begrüßt den Edelbittertrend aber auch, weil er als etablierter Anbieter von Spezialschokoladen besonders von ihm profitiert. Vor allem die im Jahr 2000 entwickelte, sortenreine „Plantagen-Schokolade“, bei der prominent vorn auf der Tafel steht, aus welchem Kakao sie besteht, kommt bei den Genießern extrem gut an. Genau diese Schokoladen gibt es seit 2003 nicht mehr nur in Confisserien und Süßwarengeschäften, sondern auch in Supermärkten wie Rewe, Edeka und Tengelmann. „Wir haben lange ausschließlich über Fachhandelsgeschäfte, Filialisten und Fachabteilungen der Warenhäuser verkauft“, sagt Rausch. „Aber die Zahl der Verkaufsstellen ist im Laufe der Jahre eingebrochen. In den 90er-Jahren gab es noch 10 000, jetzt sind es keine 1 000 mehr.“ Rausch hält dem alten Vertriebskanal die Treue, freundete sich aber auch mit der Idee an, die Luxustafeln im ganz normalen Supermarkt anzubieten – „damit die Menschen, die unsere Schokolade mögen, auch eine Chance haben, sie mit vertretbarem Aufwand zu bekommen“.

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