Rückkehr an die Weltspitze
Textilindustrie: Der Weg nach China ist zu weit

Dank High-Tech-Fasern und Spezialgewebe ist die deutsche Textilindustrie nach ihrem Niedergang in den 1970er Jahren wieder international wettbewerbsfähig. Die momentane wirtschaftliche Lage geht an den Unternehmen allerdings nicht spurlos vorüber.

KÖLN. Wenige Menschen wissen, was ein Waschkrumpf ist. Beim Wuppertaler Textilhersteller Jumbo ist es tägliches Geschäft, ihm den Garaus zu machen. Jumbo stellt Gummibänder für Arbeitshosen her, und die krumpfen bei der ersten Wäsche. Das heißt: Sie laufen ein. "Eine bestimmte chemischen Mischung verringert den Längenverlust unseres Gummigewebes auf maximal drei Prozent", erklärt Vertriebler Jean Poburski. "So etwas können nur wenige Unternehmen."

Seit den späten 1980er Jahren konzentrieren sich immer mehr Hersteller auf das High-Tech-Segment der Textilproduktion und fabrizieren so genannte technische Textilien. Die hochwertigen Gewebe bestehen meist aus verschiedenen, kombinierten Ausgangsmaterialien, die ihnen spezielle chemische und physikalische Funktionen verleihen: Die Textilien sind dann zum Beispiel hitzeresistent, knitterfrei oder besonders reibungsbeständig. Solche technischen Gewebe sind heute in vielen Branchen unersetzlich, etwa in der Medizintechnik, der Bauindustrie und bei Sportbekleidung.

In den 80er Jahren lag der Anteil der Spezialgewebe in Deutschland noch bei weniger als zehn Prozent des Textilgeschäfts, heute machen sie rund die Hälfte des 13,3 Mrd. Euro schweren Textilmarkts aus. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zählt in einer Studie die Textilindustrie sogar zu den sechs deutschen "Lead Märkten". Damit sind Märkte gemeint, auf denen in engem Zusammenspiel von Herstellern und lokalen Nutzern Innovationen entwickelt werden, die sich später auch international durchsetzen können.

"Wir haben starke Industrien im Rücken, mit denen wir gemeinsam neue Produkte entwickeln", sagt Werner Zirnzak, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbands IVGT. "Das macht uns so innovationsstark." Deutsche Produkte führen nach Verbandsangaben mit einem Anteil von 12,5 Prozent den Weltmarkt für technische Textilien an. "Wir haben gegenüber den USA einen Know-How-Vorsprung von fünf Jahren", schätzt Zirnzak.

Auch Berthold Galonska, Geschäftsführer der SR GmbH, -Webatex sieht die Branche gut aufgestellt. "Wir können alle Stufen der textilen Kette an einen Tisch bringen und in kürzester Zeit flexibel reagieren." Der Bayreuther Hersteller textiler Flächen ist vor acht Jahren auf den Trend zu technischen Textilien eingestiegen und liefert heute verschiedenen Branchen zu, unter anderem Filter für Gaszähler, Abdeckungen für Mülldeponien oder Segeltuch für den Schiffbau. "Mittlerweile kehren die technischen Textilien auch wieder in die Bekleidungsindustrie zurück", beobachtet Galonska. Denn auch auf dem Gebiet der Berufsbekleidung können Garn- und Gewebehersteller ihr Können unter Beweis stellen. Arbeits- und Schutzkleidung wird oft unter extremen Bedingungen eingesetzt und soll besonders belastbar, aber zugleich für die Mitarbeiter komfortabel zu tragen sein. Mietwäsche, zum Beispiel für Krankenhauspersonal, soll bei hohen Temperaturen viele Male gewaschen werden, ohne Form und Funktion zu verlieren. SR-Webatex produziert zum Beispiel Gewebe für Berufsbekleidung, die nur schwer Feuer fangen, Öl abperlen lassen oder in Neonfarben leuchten.

"Konfektionäre legen nicht nur Wert auf eine hohe Materialqualität, sondern auch auf schnelle Lieferung und guten Service", sagt Uwe Steinmeyer, Geschäftsführer der Textilfabrik Kettelhack in Rheine. Darum hat der Hersteller von Geweben für die Berufsbekleidung trotz aktueller Wirtschaftskrise seinen Vertrieb ausgebaut und im vergangenen Jahr auch den Maschinenpark für mehr als drei Mio. Euro aufgerüstet. "Wir setzen auf den Produktionsstandort Deutschland, weil wir hier unserem Qualitätsanspruch am besten gerecht werden können", sagt Steinmeyer. "Hier sind wir sehr nah am Kunden und häufig auch bei ihm vor Ort."

Die momentane wirtschaftliche Lage geht an den Unternehmen allerdings nicht spurlos vorüber: "Die Lage ist schwierig", sagt SR-Webatex-Chef Galonska. "Unser Umsatz ist in den ersten beiden Monaten dieses Jahres um 20 Prozent eingebrochen. Statt wie üblich Jahreskontrakte abzuschließen, entscheiden unsere Kunden seit Januar monatlich, ob und wie viel sie bestellen." Das Unternehmen hat darauf reagiert und seine Produktionskapazitäten um ein Viertel eingedampft, unter anderem durch die Aufgabe eines Werkstandortes in Reutlingen.

"Seit Anfang des Jahres verzeichnen die meisten Unternehmen Nullwachstum oder sogar Umsatzrückgänge", bestätigt Branchensprecher Werner Zirnzak. Der hofft auf erste Zeichen für eine baldige Stabilisierung der Finanzmärkte und in Folge dessen auch auf eine wiedererstarkte Realwirtschaft: "Wenn das schnell passiert, könnte es schon im zweiten Quartal wieder aufwärts gehen."

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