Rückzug
Börsenmüdigkeit plagt den Mittelstand

Werden Deutschlands Mittelständler börsenmüde? Aktuelle Studien und Meldungenscheinen dies zu bestätigen. Danach erwägt mittlerweile jeder fünfte deutsche Betrieb wegen der immer komplizierteren Regulierungsvorschriften und den damit verbundenen Kosten den Rückzug von der Börse.

DÜSSELDORF. Dabei ist es gar nicht so einfach, seine Aktionäre los zu werden. So möchte auch die Sto AG, weltweit führender Spezialist für Fassadendämmsysteme, der Börse den Rücken kehren. Vorstand Jochen Stotmeister begründet den Schritt zum einen mit den jährlichen Kosten von 800 000 Euro für die Börsennotiz. Zum anderen empfindet er die stetig wachsende Zahl von Kapitalmarktvorschriften als Belastung. Zudem müsse Sto als einziges börsennotiertes Unternehmen seiner Branche die Unternehmenszahlen publizieren - sehr zur Freude seiner Wettbewerber.

Unternehmen, die das Börsenparkett wieder verlassen wollen, müssen allerdings bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllen, mit denen sich Sto aus Stühlingen beispielsweise schwer tut. Denn die Vorzugsaktionäre haben das Angebot der Gesellschaft für mindestens 86,5 Prozent der 2 538 000 Vorzugsaktien nicht akzeptiert. Nur so aber kann Sto - zusammen mit den zu 100 Prozent in Familienbesitz befindlichen Stammaktien - die erforderliche Beteiligung von 95 Prozent erreichen.

Ziel war ein Squeeze-out - darunter versteht man ein Verfahren, das es Mehrheitsaktionären erlaubt, freie Kleinaktionäre per Barabfindung aus dem Unternehmen zu drängen, um so das Delisting zu erreichen. Da bis Ablauf der Frist am 8. August die Mindestakzeptanzschwelle nicht erreicht wurde, ist das Kaufangebot für die Vorzugsaktien hinfällig. Die Aktionärsstruktur ändert sich nicht und Sto bleibt vorerst an der Börse. Auch die Agentur Scholz & Friends in Hamburg will offenbar seine Aktionäre loswerden. Allerdings kann sich das angestrebte Delisting noch Jahre hinziehen, da einige Kleinaktionäre gegen den Schritt opponieren.

Das Kostenargument ist, das ergab eine Studie von Finance-Research, einer der zentralen Gründe für die Börsenmüdigkeit. Jede dritte befragte Gesellschaft findet den Aufwand unangemessen hoch und nicht mehr vertretbar. Weitere 58 Prozent stuften ihn zumindest als „grenzwertig“ ein. „Insgesamt zieht deshalb jedes fünfte börsennotierte deutsche Unternehmen in Erwägung, die Börse wegen der teilweise ausufernden Regulierungsauflagen wieder zu verlassen“, so Tobias Bürgers, Managing Partner der Wirtschaftskanzlei Nörr, Stiefenhofer, Lutz. Auch das Argument, sich von der Konkurrenz nicht in die Karten schauen zu lassen, ist aus Sicht von Experten ein wichtiges Argument für den Rückzug von der Börse.

„Zerrbild des tatsächlichen Unternehmenswertes“

Anlass für Spekulationen gab in der vergangenen Woche auch die Ankündigung der Gerry Weber International AG aus Halle, Aktien in Höhe von zehn Prozent des Grundkapitals zurückkaufen zu wollen. Die Vermutung, der drittgrößte deutsche Damenmodehersteller wolle auch das Parkett verlassen, beschied ein Unternehmenssprecher aber mit einem klaren „Nein“. Dabei wird die Frage, ob eine Börsennotierung für mittelständische Unternehmen sinnvoll ist oder nicht, durchaus kontrovers diskutiert. Für Guido Paffenholz vom Institut für Mittelstandsforschung Bonn beispielsweise überwiegen die Vorteile der Börsennotierung die Nachteile wie größere Kurs-Schwankungen auf den engen Märkten und die hohen Publizitätskosten. Vorteile seien die niedrigeren Fremdkapitalkosten sowie eine erheblich verbesserte Eigenkapitalquote. „Gerade Start-ups und wachtumsorientierte Unternehmen profitieren von der Kapitalbeschaffung durch einen Börsengang“, so Paffenholz. Zudem gelte die Notierung an einer Börse als Visitenkarte.

Matthias Hallweger von der Münchener Kanzlei Kaufmann, Lutz, Stück, Abel, v. Lojewski hält dagegen: „Unternehmen mit einem geringen Streubesitz von nur wenigen Prozent des Grundkapitals können leicht zum Objekt von Marktpreismanipulationen werden.“ Die so entstandenen Kurse würden nur noch ein „Zerrbild des tatsächlichen Unternehmenswertes“ darstellen. Schon das Angebot weniger Aktien, so Hallweger, könnten den Kurs mangels Nachfrage überdurchschnittlich nach unten treiben und vice versa. In solchen Fällen sei es durchaus sinnvoll, sich die laufenden Kosten für die Börsennotiz zu sparen und die Einmalkosten des Delistings in Kauf zu nehmen. Der Rückzug wäre nach Auffassung von Volker Brühl, Associate Partner bei Roland Berger & Partners, auch für viele Start-ups, die zu früh an die Börse gegangen sind, sinnvoll. Das sei die Chance, ihr Geschäftsmodell langfristig weiterzuentwickeln.

Die Kosten für die Erfüllung von Regulierungs- und Transparenzvorschriften - im Fachjargon „Compliance“ genannt - beziffern die Unternehmen im Rahmen der Finance-Umfrage mit durchschnittlich knapp 634 000 Euro jährlich. Damit hätten sich die Kosten seit Anfang des Jahrzehnts um 85 Prozent erhöht, so die Studie. Grund für die Kostenexplosion sei unter anderem das „Anlegerschutzverbesserungsgesetz“. Hier kritisiert der Mittelstand die Unklarheiten bei der Umsetzung der Ad-hoc-Pflichten, der Erstellung von Insider-Listen sowie die verschärften Haftungsanforderungen an das Management.

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