Russland lockt Mittelständler
Gewagter Schritt nach Osten

Viel gewinnen, alles verlieren: Russland ist für deutsche Unternehmer ein Markt mit viel Potential, aber auch Risiken. Deutsche Mittelständler reizt das Handelsvolumen und der ausbaufähige Anteil an der Gesamtwirtschaft. Vor dem Erfolg jedoch stehen Bürokratie, Korruption und die Mafia.

MOSKAU. Achim Lutter hat in Russland bereits einmal alles verloren. Der deutsche Unternehmer betreibt in Gus-Chrustalny, rund 350 Kilometer von Moskau entfernt, eine Glasfaserweberei mit rund 200 Mitarbeitern. In den neunziger Jahren musste er mitansehen, wie Mafia-Matadore mit Hilfe bestochener Gerichte seine gerade aufgebaute Kupferfolienfabrik stahlen. Er verlor viel Geld, hat gekämpft, aber musste schließlich doch wieder von vorne anfangen Heute, sagt er, fühlt er sich sicherer. „Vor der Mafia habe ich keine Angst mehr.“

Lutter hat inzwischen zehn Millionen Euro in seine Firma Bautex investiert und exportiert ein Drittel der Produkte nach Westeuropa. Sein Beispiel zeigt aber auch: Ohne dickes Fell kommt ein Mittelständler in Russland nicht weit.

Die Zahlen sind beeindruckend: 4 500 deutsche Unternehmen sind bereits in Russland tätig, 95 Prozent davon sind Mittelständler. Der riesige Markt lockt, das Handelsvolumen wächst dieses Jahr auf den Rekordwert von 50 Mrd. Euro. Glaubt man dem Verband der deutschen Wirtschaft in Russland, dann beschreibt jede zweite Firma dort ihre geschäftliche Situation mit „gut“.

Auch Russlands Wirtschaftsminister German Gref sieht den Mittelstand in seinem Land im Aufwind: Zwar habe der erst einen Anteil von zwanzig Prozent an der Gesamtwirtschaft erreicht, berichtete er auf der deutsch-russischen Mittelstandskonferenz vergangene Woche in Russland – zum Vergleich: in Deutschland sind es 95 Prozent. „Wir werden ihre Anzahl aber jährlich um bis zu sieben Prozent steigern“, plant Gref. Es sei klar, dass ohne die kleinen und mittelständischen Firmen der Umbau der russischen Wirtschaft – weg vom schwergewichtigen Rohstoffsektor – nicht gelinge. In diesem Prozess sieht der Minister Deutschland als „strategischen Partner Nummer eins“.

Mittelständler arbeiten gerne mit Mittelständlern zusammen, denn da ist man auf Augenhöhe. Doch in Russland einen Partner zu finden ist nicht einfach. Nach wie vor hat es das Segment der kleinen und mittleren Firmen dort schwer, sagt Boris Titow, Präsident des Unternehmerverbandes Delowaja Rossija. Allein in der Moskauer Region braucht ein Unternehmer 128 Unterschriften, um eine Firma zu gründen: „Bürokratie und Korruption auf lokaler Ebene sind das größte Hindernis für unsere kleinen und mittleren Firmen“, sagt er.

Bautex-Chef Lutter kann dem nur zustimmen: „In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Regelungen und Zertifikate, aber auch die Willkür im Umgang mit ihnen stark erhöht“, erzählt er. Lutter muss in Russland zudem gegen einen potenten Gegner kämpfen: Weil die russischen Behörden die Grenze zu China nicht richtig kontrollieren, blüht der Schmuggel. Damit kommen Produkte zu Preisen ins Land, mit denen russische Firmen nicht mithalten können.

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