
TAGANROG. Das Erbe ist gewaltig: 104 Hektar Werksgelände, Produktionshallen, die über 70 Jahre alt sind. Als sich Timur Awdejenko vor zwei Jahren entschied, seinen Job in der Moskauer Finanzwirtschaft an den Nagel zu hängen und "Maschinenbauer" zu werden, war ihm klar: Es wird nicht einfach sein, aus einem über 100 Jahre alten, sowjetisch geprägten Großbetrieb im Süden Russlands ein konkurrenzfähiges Unternehmen zu schmieden.
Seit 2005 ist das Traditionswerk "Krasnij Kotelschik" in Taganrog nun Herz des Kraftwerkausstatters EM-Alliance. Awdejenko und seine Partner, darunter der Haupteigentümer und Konzerngründer Jewgeni Tugolukow, der seine Aktienrechte an einen Treuhänder übertragen hat und in die Politik gewandert ist, haben seitdem den Umsatz des Konzerns von 30 Mio. auf über 350 Mio. Dollar gesteigert und den Marktanteil erheblich ausgebaut. Aus einem Industriekoloss mit 14 000 Mitarbeitern ist nach dem Zusammenbruch der Planwirtschaft fast ein Mittelständler mit nur 4 000 Angestellten geworden.
Zwischen 1991 und 2005 lagen viele Eigentümerwechsel. "Wir haben aber ein gutes Stammpersonal übernommen", erzählt der großgewachsene Awdejenko. Bei EM-Alliance sind ganze Arbeiterdynastien beschäftigt - vom Großvater bis zum Enkel. Er weiß aber auch: "Das Erbe der riesigen sowjetischen Industriestrukturen ist natürlich ein großes Problem".
Der alte Betrieb als einer der größten Steuerzahler der Stadt, wird zudem von der lokalen Verwaltung auch für soziale Projekte in Anspruch genommen: ein Schwimmbad, ein Kulturpalast. Die Verflechtungen zwischen Verwaltung und Unternehmen sind nach wie vor sehr eng. Oft wäre es besser und billiger, auf der grünen Wiese neu zu bauen.
Als er an die Spitze des Konzerns rückte, wo "Krasnij Kotelschik" integriert ist, sahen die Perspektiven dennoch glänzend aus. Die Privatisierung des russischen Strommarktes lief auf vollen Touren, die Wirtschaft brummte. Es war klar, dass die veralteten russischen Kraftwerke modernisiert und noch viele neue gebaut werden müssen. Doch die Krise hat die Perspektiven verschoben und die größte Schwäche der heimischen Wirtschaft enthüllt: Sie verfügt über fast keine konkurrenzfähige industrielle Fertigung und hängt umso mehr am Export von Öl und Gas. Ein mittelständischer Unterbau fehlt.
Während in Europa und den USA fast 99 Prozent aller Unternehmen "Mittelständler" sind, ist deren Rolle in Russland wesentlich kleiner. Nur ein Viertel der Angestellten schafft im Mittelstand, der für rund 15 Prozent des BIP sorgt. Dieser Mittelstand produziert zudem kaum etwas - 80 Prozent dieser Firmen sind im Handel tätig.