Russland: Wirtschaftswachstum ist in der Hitze geschmolzen

Russland
Wirtschaftswachstum ist in der Hitze geschmolzen

Die Brände in den Waldgebieten Russlands verursachen Schäden in Milliardenhöhe - dabei war das Land wirtschaftlich gesehen gerade wieder auf dem Aufwärtskurs. Für 2010 korrigierte das Wirtschaftsministerium folglich seine Prognose.
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MOSKAU. Die Brände in Russlands Wäldern klingen zwar ab. Doch an den Folgen wird die Wirtschaft noch lange zu knabbern haben. Die Flammen zehren am Bruttoinlandsprodukt und befeuern die Inflation. Investoren sind verunsichert, auf Versicherungen kommen Millionenforderungen zu. Das Wiederaufbauprogramm dürfte Milliarden Rubel verschlingen. Russland wird in den nächsten drei Jahren kein schnelles Wachstum á la VR China und keinen Durchbruch bei den Investitionen und der Industrieproduktion erleben.

Im 2. Quartal 2010 hatte Russlands Wirtschaft gerade wieder Tritt gefasst: Regierung und Banken gingen von einem Wachstum von 4 bis 5% für das Gesamtjahr aus, die Inflation lag auf einem historisch niedrigem Niveau, die Industrieproduktion wuchs wieder zweistellig und zu Krisenzeiten zurückgestellte Investitionsprojekte wurden erneut vorangetrieben. Doch dann kam die Hitzewelle und brachte dem Land Dürre, Wald- und Torfbrände. Von Mitte Juni bis Mitte August sanken die Temperaturen im europäischen Teil des Riesenreichs tagsüber nicht mehr unter 30 Grad Celsius. Die in einer Tiefe von fünf Metern unter der Erdoberfläche schwelenden Torfschichten stießen angesichts der ungewöhnlich hohen Temperaturen dichten Qualm aus. Große Teile der Wälder Zentral-Russlands und der Uralregion standen in Flammen. Die Brände haben Wald, Wiesen und Siedlungen auf einer Fläche so groß wie das Saarland zerstört.

Der russischen Industrie bescherte die Hitzewelle im Sommer Kurzarbeit und Produktionsstopps aus Sorge um die Gesundheit der Mitarbeiter. Die Landwirtschaft erlebt eine katastrophale Missernte. Rund 30 Mio. t Getreide sind durch Dürre oder Brände vernichtet worden. Der Ernteertrag wird in diesem Jahr höchstens 67 Mio. Tonnen erreichen, statt wie im Vorjahr 97,1 Mio. Tonnen. Das Ministerium für Landwirtschaft beziffert die Schäden im Agrarsektor auf 32,7 Mrd. Rubel (1 Euro = zirka 39 Rubel). Experten schätzen die Verluste einschließlich des zu erwartenden Absatzeinbruchs auf dem Landmaschinenmarkt sogar auf 154 Mrd. bis 215 Mrd. Rubel.

Die Missernte führt zu einem rapiden Preisanstieg bei einer Reihe von Lebensmitteln aus Getreide. Weil die Preise für Futtermittel ebenfalls massiv gestiegen sind, müssen Verbraucher bald auch für Milch, Milchprodukte, Käse, Fleisch und Wurst tiefer in die Tasche greifen. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, hat die russische Regierung bis Ende 2010 sämtliche Getreideexporte untersagt.

Durch die Preissteigerung bei Lebensmitteln klettert die Inflation um zusätzliche 1,5 Prozentpunkte nach oben. Experten der Citibank gehen sogar von 3,5 Prozentpunkten aus. Die Alfa-Bank glaubt, dass die Inflation im Gesamtjahr 2010 bei 7 bis 7,5% und im schlimmsten Szenario sogar bei 9 bis 10% liegen dürfte. Das Wirtschaftsministerium hat seine Prognose am 24. August auf 7 bis 7,6% erhöht. Für die ersten acht Monate 2010 beziffert der Föderale Statistikdienst den Anstieg der Verbraucherpreise bereits auf 5,4%. Die Spitze des Preisanstiegs für Lebensmittel ist aufgrund der üblichen time lags sogar erst für 2011 zu erwarten.

Die Waldbrände machten auch vor Siedlungen nicht halt, dutzende Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 2 000 Häuser in 14 Regionen müssen komplett neu errichtet werden. Dazu will der Staat mehr als 5 Mrd. Rbl (127 Mio. Euro) bereit stellen. Auch Teile der Infrastruktur und sogar einige Betriebe gingen im Flammenmeer unter. Die britische Finanzgruppe HSBC beziffert die Schäden auf etwa 11 Mrd. Euro, berichtete die Nachrichtenagentur Prime Tass. Das entspricht einer Einbuße beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das Jahr 2010 von 1%. Das russische Wirtschaftsministerium schätzt die Gesamtverluste auf 8 Mrd. bis 9 Mrd. Euro beziehungsweise 0,7 bis 0,8%.

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  • Das ist eine schwierige Situation. Die Hitzewelle ud diese Wald- und Torfbrände. Die brände wurden vermutlich noch verstärkt durch Faktoren wie nicht nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, Torfabbau,...ob Katastrophen in diesem Ausmaß mit dem Klimawandel zusammenhängen, darüber wird wohl wieder gestritten werden. Trotz der Not, die im Moment herrscht, oder gerade deswegen, sollten die zerstörte Siedlungen als grüne Siedlungen wieder aufgebaut werden, also mit Niedrieg- oder Hassivenergiehäusern, Photovoltaik- und Windkraftanlagen,...

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