Russlands Wirtschaft
Moskaus Macht bleibt oft ein Mythos

Supermacht Russland – so stellt der am Mittwoch als Präsident abgetretene Wladimir Putin sein Land gern dar. Auch im Westen wird das größte Land der Erde oft überschätzt. Höher, schneller, weiter und vor allem größer – so sieht sich Russland. Doch auch nach acht Jahren Putin und einem enormen Wiederaufstieg nach tiefem Fall ist das Riesenreich wirtschaftlich oft Mittelmaß.

MOSKAU. Beispiel Außenhandel: Russland hat trotz der enormen Lieferungen von Erdöl und Erdgas seinen Platz als größter deutscher Handelspartner im Osten räumen müssen. Inzwischen hat Polen mit Einfuhren von Waren aus Deutschland im Wert von 36,1 Mrd. Euro und Lieferungen dorthin in der Größenordnung von 24,1 Mrd. Euro die Russen von der Spitzenposition verdrängt. Tschechien liegt zudem mit Im- und Exporten von und nach Deutschland in Höhe von 52,2 Mrd. Euro nur noch knapp hinter Russland mit einem Außenhandel mit der Bundesrepublik von 57 Mrd. Euro.

Doch Moskaus Macht im Handel wird zudem durch den rasant gestiegenen Ölpreis getrieben. Und selbst Putin und Dmitrij Medwedjew räumen ein, dass die Wirtschaft ihrer Heimat noch immer viel zu rohstofflastig sei. „Putin hat jahrelang eine Diversifizierung der russischen Wirtschaft angekündigt, passiert ist genau das Gegenteil: Russland ist immer mehr von Rohstoff-Exporten abhängig“, sagt Putins aus Protest gegen dessen falschen Kurs zurückgetretener langjähriger Wirtschaftsberater Andrej Illarionow. Auch der Ostausschuss der deutschen Industrie mahnt dringend einen Kurswechsel im Kreml an – hin zu Mittelstandsförderung und Modernisierung der verarbeitenden Branchen sowie des Dienstleistungssektors.

Beispiel deutsche Unternehmen: 4 000 deutsche Firmen seien bereits zwischen Petersburg und Pazifik aktiv, betonen Wirtschaftsvertreter zum Beweis des großen Russland-Interesses immer wieder. Aber allein das nur knapp ein Sechstel der Einwohner Russlands zählende Rumänien weist im Handelsregister rund 15 000 im Land aktive deutsche Unternehmen aus.

Beispiel Auslandsinvestitionen: Rumänien, seit dem Jahr 2007 Mitgliedstaat der Europäischen Union, hat das eurasische Riesenreich längst auch von der Spitze der Lieblingsstaaten deutscher Investoren verdrängt: Rumänien liegt vor Griechenland, Lateinamerika und dem autokratisch regierten Weißrussland in der jüngsten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) der dynamischsten Länder auf dem ersten Platz. Russland hingegen rangiert sogar noch nach Südafrika, dem Baltikum und Ungarn an nur achter Stelle.

Beispiel Autoindustrie: Auch in der wichtigen Automobilindustrie hat es Russland trotz der Ansiedlung von Volkswagen, Toyota, Renault, Nissan, Ford und BMW nicht geschafft, heute mehr PKW zu produzieren als die sowjetische Mangelwirtschaft: Zwar wurden voriges Jahr von Lada und seinen ausländischen Rivalen knapp 1,3 Mill. Autos in der Russischen Föderation produziert. Doch Tschechien (932 000), Polen (762 000), Slowakei (535 000), Ungarn (300 000), Rumänien (243 000) und Slowenien (200 000) sind nach Angaben des Verbandes der deutschen Automobilindustrie (VDA) noch immer wichtiger. Immerhin: Die Hoffnung stirbt in Russland zuletzt – und in den nächsten drei Jahren soll das Land laut Branchenexperten Deutschland als größten europäischen Auto-Absatzmarkt ablösen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%